Wann immer es um politische Verbrechen, Skandale, Attentate, um Betrug und Verrat geht, werden zwei Deutungsmuster herbeizitiert: die Verschwörungstheorie auf der einen, die Theorie vom Einzeltäter auf der anderen Seite, vom entfremdeten, verwirrten underdog, dessen Haß und Wahn sich im kaltblütigen Mord oder im selbstmörderischen Amoklauf entladen.

DeLillo verknüpft in seinem Roman beide Deutungsmuster: einerseits die zuletzt auch vom amerikanischen Sonderausschuß für wahrscheinlich gehaltene These, daß es sich bei dem Attentat um eine Verschwörung der CIA und der Mafia gehandelt habe, andererseits die Annahme, daß es dennoch die Tat eines einzelnen gewesen sei, dessen Absichten sich beinahe zufällig mit denen der Verschwörer getroffen haben.

Komplex wie das zwischen Innen- und Außenperspektive schillernde Portrait Lee Harvey Oswalds schildert DeLillo auch die verschiedenen, teils authentischen, teils fiktiven CIA-Verschwörer, Mafia-Gangster und Doppelagenten, die ganz widersprüchliche Strategien verfolgten.

Aus den Reihen der CIA stammen abgehalfterte Reaktionäre, denen die Politik des Präsidenten zu liberal ist, weil er den Schwarzen zu viele Zugeständnisse macht und im Zuge der Kuba-Krise die Rückgewinnung der Insel aufgegeben hat. Die alten Kuba-Kämpfer machen Kennedy für das Desaster der gescheiterten Kuba-Invasion ("Schweinebucht") verantwortlich und wollen das Attentat wie einen Anschlag Castros aussehen lassen. Diese unbelehrbaren Rednecks wollen, daß die Invasion der Insel und der Sturz des Castro-Regimes wieder auf die Tagesordnung der CIA und des Pentagon kommen. Sie haben schon lange nach einem Täter wie Oswald gesucht, ja in ihren Szenarios existierte er schon, bevor er auf der Bühne der Geschichte erschien. Aber auch die linken Doppelagenten haben ein Motiv: Sie wollen Kennedy umgekehrt gerade für seine Kuba-Politik bestrafen. Und der mächtige Mafioso Carmine Latta handelt dagegen aus Rache, weil John F. Kennedy und sein Bruder Bob dem organisierten Verbrechen auf den Leib rücken.

Schließlich könnten ganz allgemein Ressentiments und Haß eine Rolle gespielt haben. Kennedys Glanz, sein Charme, seine amourösen Abenteuer, seine telegene Ausstrahlung und Medienpräsenz mußten die Neider förmlich auf den Platz rufen.

DeLillo kleistert das Dunkel dieses geschichtlichen Augenblicks nicht zu. Seine lakonische, durch Detailgenauigkeit und Aussparungen gekennzeichnete Sprache und seine parataktische Erzählweise schaffen Distanz, so daß die schwarzen Löcher der Geschichte spürbar werden. Schweigen umhüllt seine Figuren wie eine zweite Haut.

Der Roman ist deshalb so bestechend, weil er Lee Harvey Oswald, dessen jammernde Mutter Marguerite, den Oswald-Mörder Jack Ruby, den schwulen, aufgrund einer Krankheit völlig haarlosen CIA-Agenten David Ferrie oder den multinationalen Spion George de Mohrenschildt (eine authentische Gestalt) so konkret und differenziert entwirft, daß man ihre Gedanken und Obsessionen, ihre Träume und Irrtümer so genau zu kennen glaubt wie ihre meist beschädigten, irgendwie geschundenen Körper.