Von Klaus Modick

Pierre Missac, der Walter Benjamin noch persönlich kennengelernt hatte, als dieser in Paris am Fragment gebliebenen "Passagenwerk" arbeitete, hat große Verdienste um die Rettung und Überlieferung des in der Pariser Nationalbibliothek versteckten Nachlasses Benjamins. Seitdem hat Missac die Rezeption Benjamins in Frankreich entscheidend gefördert und mitbestimmt. Sein jetzt auf deutsch erschienenes Buch über Benjamin vereint einige, ursprünglich wohl separat entstandene Aufsätze und Vorträge, ergibt aber dennoch ein konzises Ganzes.

Missac wendet sich gegen akademische Versuche, Benjamins Werk zu einer philosophischen Ästhetik zu stilisieren beziehungsweise ihm eine Systematik zu unterstellen, der sich dieses Werk aus äußeren wie inneren Gründen verweigert. Missac insistiert demgegenüber auf die Widersprüche und Spaltungen, denen Benjamin persönlich ausgesetzt war und die in seinem Werk Ausdruck fanden: "einerseits seine entschieden positive Einstellung zur gesellschaftlichen Entwicklung; andererseits seine Vorliebe für traditionelle ‚Werte‘, für Seltenes, für Raffinement, die durch diese Entwicklung bedroht waren". Innerhalb dieses vielfältig aufgefächerten Bündels von Antinomien war Benjamins versuchter Spagat zwischen Theologie und dialektischem Materialismus nicht bloß der schwierigste, sondern auch der, an dem sich die Meinungen schieden.

Benjamins gesamte schriftstellerische Arbeit, die zunehmend in den dreißiger Jahren programmatisch Transparenz und Schlichtheit bei anderen Autoren bewunderte und einklagte, blieb, von wenigen Ausnahmen abgesehen, stilistisch – man möchte sagen: zum Glück – in "einer verschwenderischen Fülle und einem Flechtwerk, das an romantische Arabesken und Ornamente erinnert, eine Art Emblem, das ebenso schwer zu lesen ist wie ein Wappen, aber von bemerkenswert persönlichem Charakter ist".

Dieser persönliche Charakter, der den großen Stilisten Benjamin erst ausmacht, ist um so bemerkenswerter, als Benjamin wiederholt das Verschwinden des Autors aus dem Text, den Verzicht aufs auktoriale Ich als stilistisches Ideal behauptet hat. Missac läßt auch diese Widersprüchlichkeit unaufgelöst, aber er bietet doch eine Erklärung an, wenn er den unvergleichlichen Reichtum an Perspektiven in Benjamins Schriften an die Tatsache knüpft, daß man in ihnen die Spur "fundamentaler Probleme der Sprachphilosophie findet, für die er ein klares Bewußtsein hatte, das ihn quälend beherrschte und das er in höchst konkreter Weise zum Ausdruck brachte". Und dieser Ausdruck artikulierte sich eben nicht bloß in den von Benjamin gewählten Gegenständen, sondern mindestens ebensosehr in seinem sprachlichen Zugriff, weshalb Missac auch mit Recht auf die eminente Bedeutung verweist, die das Gattungsproblem für Benjamin hatte.

Bei der Diskussion der beiden wichtigsten Begriffe des späten Benjamin, nämlich dem des "dialektischen Bildes" und dem der "Dialektik im Stillstand", die, wie Rolf Tiedemann behauptet, "keine terminologische Konsistenz" mehr erlangt haben, macht Missac den Vorschlag, diese Kategorien "als surrealistische Metaphern" zu behandeln: Aus diesem "Bildcharakter und der Freiheit der Lesart, die er zuläßt, entspringen die verschiedenen Interpretationen dieser Schlüsselkategorien". Missac liest also Benjamin wesentlich ästhetisch; das Faszinosum dieses Werks, über das mit Scholems Worten "auch viel Unsinn und mesquines Zeug" geschrieben wurde, bestünde demnach weniger in den soziologisch (oder wie immer sonst "objektiv") greifbaren Ergebnissen, sondern gerade in der impliziten Verweigerung von Eindeutigkeit – mag diese auch teilweise nicht beabsichtigt, sondern erzwungen gewesen sein. Es wäre zu überlegen, ob andere Zentralbegriffe Benjamins, "Aura" etwa oder auch "Erfahrung", je zu terminologischer Konsistenz fanden – oder ob diese Konsistenz nicht vielmehr das Produkt philologischen Übereifers war.

Dennoch geht es Missac auch um den Nachweis der Brauchbarkeit Benjaminscher Ideen und Begriffe für den ästhetischen Diskurs der Gegenwart; er zeigt das zum einen, eher interpretativ und theoretisch, an der Entwicklung der Bildmedien (spart aber den elektronischen, computerisierten Bereich fast völlig aus). Zum anderen versucht Missac in seinem Schlußkapitel mit Methoden und Begriffen Benjamins das Atrium des zeitgenössischen Hochhausbaus, vor allem in den USA, als eine Verlängerung der Passage in die Vorstellungswelt des 20. Jahrhunderts zu interpretieren. Mit einem auf Valéry gemünzten Wort Adornos, daß nämlich seine "Formulierungen keine andere Kritik dulden als die, die sie weiterdenkt", rechtfertigt Missac seine vorsichtige Mimese an Benjamins Stil und Denken; dennoch bleibt, bei aller Stichhaltigkeit in der Sache, Missacs auch glänzend formulierter Essay nur ein Echo der Brillanz Benjamins.