lastik? "Es kommt vor, daß der Mensch – zu seiner Unterhaltung – ein Paket verbrauchter ungarischer Spielkarten in die Hand nimmt, in der Mitte die Aufschrift: Plastik." Plastik, der Fabrikname, ist zugleich der Titel für das erste ins Deutsche übersetzte Buch des jungen Ungarn László Garaczi.

Geschichten stecken in diesen Spielkarten, und das erinnert natürlich an den Kartenroman von Italo Calvino, was Garaczi sicher nicht von sich weisen würde, weil er gerne an andere Autoren erinnert; in und mit seinen Texten ist er im ständigen Dialog mit ihnen.

Aber Garaczi bleibt Garaczi. "Plastik" bleibt sein eigenes Kartenspiel, ein cooles, herausforderndes Stück Prosa, das den Leser an der Nase herumführt, so daß er manchmal nicht weiß, ob die Schuld am Nichtverstehen er selbst trägt, oder ob der Text gar nicht in jeder Hinsicht verstanden werden will.

Und während er, der Leser, über diese beiden Möglichkeiten grübelt (weil er kritische Stimmen im Hinterkopf hört, die ihm sagen, eine Geschichte müsse vor allem verständlich sein und einen eindeutigen Zusammenhang zeigen), stößt er auf die Antwort direkt im Buch: "Aber der Mensch – in seinem Lederfauteuil – wäre nicht Mensch, könnte er sich nicht mit all den Bezügen seines Daseins auf das kleine, mosaikartige, zu zerfallen drohende Bild konzentrieren, mit einer einzigen Bewegung seines Bewußtseins die gebieterisch-fordernde Präsenz seiner Umgebung abschütteln..."

Und was könnte ein Buch Besseres bieten, als klare Bilder, die Garaczi in Hülle und Fülle liefert; nicht nur winzige filmische Szenen über Leute, sondern auch von der Stadt, nämlich von Budapest, und wirklich ist in diesen Filmabschnitten die Stadt, die ungarische Hauptstadt (sogar als Hauptstadt) erstaunlich gut zu erkennen.

Das Stichwort cool ist bereits gefallen. Bonnie und Clyde waren ein typisch cooles Paar, und in Garaczis Buch gibt es eine Geschichte mit dem Titel "Conny and Blyde". Das heißt: Garaczi, der übrigens nicht nur Prosatexte, sondern auch sehr lakonische, sehr "westliche" Gedichte schreibt, weiß, was er tut. Er ist der erste, der sich in der ungarischen Gegenwartsliteratur mit diesem Ton meldet.

"Westlich" zu sein war seit der Jahrhundertwende ein sehr wesentliches Anliegen der ungarischen Literatur; in den ersten Jahrzehnten gab es eine hervorragende Literaturzeitschrift mit entsprechendem Namen ("der Westen" – Nyugat), und wenn heute der Stimme der ungarischen Schriftsteller nichts Exotisches, nichts Befremdendes mehr anhaftet, wenn es nicht heißen muß, ah, da ist ein junger Schriftsteller aus dem Osten, ist das erwünschte Ziel erreicht. Zsuzsanna Gahse