Von Ulrich Greiner

Julien Benda – sein Name ist weniger bekannt als der Name seines bekanntesten Buches: "La trahison des clercs" ("Der Verrat der Intellektuellen"). Es ist eines jener Bücher, deren Titel zum gängigen Zitatenschatz gehören, die aber dennoch nahezu folgenlos geblieben sind. Das kann nur heißen, daß kaum jemand sie ernsthaft gelesen hat.

Diese Streitschrift, 1927 erstmals erschienen, ist der Prototyp der großen häretischen Texte dieses Jahrhunderts, die von abtrünnigen Einzelgängern geschrieben wurden, von Arthur Koestler und Ignazio Silone, von Czeslaw Milosz und Manès Sperber, um nur einige jener "Verräter" zu nennen, die sich der intellektuellen Strömung ihrer Zeit entgegengestellt haben. Dank wurde ihnen naturgemäß nicht zuteil, denn intellektuelle Selbstkritik, die sich vom kommunistischen Unterwerfungsritual unterscheidet, bedeutet ganz einfach, den Ast abzusägen, auf dem man sitzt. Genau das sollte ein Intellektueller von Zeit zu Zeit tun. Die blauen Flecken, die er sich dabei holt, sind die Merkmale wirklichen Denkens.

Dieses Jahrhundert ist, wie Margret Boveri in ihrem großen Buch gezeigt hat, das Jahrhundert des Verrats. "Der Inhalt des Verrats wechselt, indem sich das Rad der Geschichte dreht. Heute werden als Helden oder Märtyrer die gefeiert, die gestern als Verräter gehenkt wurden, und umgekehrt. Aber der Verrat bleibt bei uns, als sei er der dauernd sich wandelnde Schatten, der den stärker und schwächer werdenden, höher und tiefer steigenden Lichtern unserer Epoche zugehört" ("Der Verrat im 20. Jahrhundert").

Der Begriff des Verrats, den Julien Benda meint, ist ein anderer. Mit heiligem Zorn geißelt er jenen allerersten Verrat, der die anderen sekundären Formen des Verrats unweigerlich hervorbringt. Bendas Vorwurf lautet: Die Intellektuellen stürzen sich in die geistigen und politischen Kämpfe ihrer Zeit, schließen sich aus Geltungsbedürfnis und Karrieresucht den Parteien und Klassen an, werden zu Bannerträgern weltanschaulicher Fraktionen und unterwerfen ihr Denken und Handeln der Nützlichkeit und der Opportunität. Das ist der Verrat der Intellektuellen, denn ihre wahre Aufgabe besteht darin, wie Benda mit exzessivem Eifer unablässig wiederholt, an den unveränderlichen und unveräußerlichen Werten festzuhalten: Wahrheit, Gerechtigkeit, Freiheit.

Bendas Attacke richtet sich gegen die Verstrickung des Intellektuellen in machtpolitische Interessen, mithin auch gegen jene Politisierung, die sich die Intellektuellen in den Sechzigern selbst verordnet haben; sie richtet sich auch gegen jene Parteilichkeit des Denkens, die den strategischen Vorteil höher achtet als die Wahrheit; auch gegen jenen ideologischen Relativismus, der von einer zur Herrschaftslehre heruntergekommenen Geschichtsphilosophie betrieben wird. Nein, Julien Benda ist keiner, der den Intellektuellen einen Rückzug in den Elfenbeinturm empfiehlt. Sein Pamphlet, umstritten und umkämpft bis heute, beweist das. "Gerson, der auf die Kanzel von Notre Dame stieg, um den Mörder Ludwigs von Orleans mit Worten zu geißeln; Voltaire, der für Calas ins Feld zog; Spinoza, der unter Lebensgefahr an die Tür der Mörder Witts schrieb: Ultimi barbarorum – diese Clercs walteten auf erhabenste Weise ihres Amtes. Sie waren Offizianten der abstrakten Gerechtigkeit, unbefleckt von Passionen für irdische Beweggründe."

Das französische Wort clerc hängt zusammen mit dem "Kleriker", und es bezeichnet die historische Abkunft des Intellektuellen. Das Privileg, sich ausschließlich mit geistigen Dingen beschäftigen zu dürfen, hatten anfangs nur die Priester und Mönche. Für Benda ist der wahre Intellektuelle in der Tat eine Art Priester, aber nicht einer von jenen, die sich im Dienst einer machtpolitisch engagierten Kirche nach dem Wind drehen. Priester sind die Intellektuellen, weil sie jenen ewigen Werten verpflichtet sind, von denen jeder weiß, daß es sie gibt, und mit deren Gültigkeit auch derjenige rechnet, der sie verletzt.