Aktienprofis stellen sich auf unsichere Zeiten ein

Von Reinhold Rombach

Tim Schmiel, Börsenexperte der Düsseldorfer Westfalenbank, fühlt sich "wie ein Schachspieler, der nicht weiß, ob der nächste Zug die Rettung oder das Schachmatt bringt". Einerseits schätzt er die Lage an den Finanzmärkten als ziemlich trüb ein und rät seinen Kunden eher zur Zurückhaltung. Andererseits aber muß er Wertpapiere kaufen und überdurchschnittliche Kursgewinne erzielen, wenn er im ZEIT-Börsenspiel noch eine Chance haben will.

Seine Lage ist in der Tat verzwickt. Während sich nahezu alle Weltbörsen in den ersten acht Monaten prächtig entwickelt haben – der starke Anstieg des Weltaktienindex um 28,47 Prozent belegt das eindrucksvoll –, rutschte sein Depot in die Verlustzone. Von den 100 000 Mark Einstandskapital mußte Schmiel zum Stichtag am vergangenen Donnerstag über dreitausend Mark abschreiben.

Vor diesem tristen Hintergrund wagt Tim Schmiel einen riskanten Rettungsversuch. Vor einer Woche löste er seinen gesamten Kassenbestand von rund 25 000 Mark auf und kaufte dafür an der amerikanischen Börse ATT-Scores zum Stückpreis von 10 125 Dollar. Bei diesem Scores handelt es sich um eine Art Optionsschein, mit denen bis spätestens am 14. Februar 1992 eine ATT-Aktie zum Preis von 30 Dollar bezogen werden kann. Die Aktie selbst kostet derzeit an der New York Stock Exchange 38 125 Dollar.

Tim Schmiels Überlegung ist durchaus schlüssig: Falls der Aktienkurs deutlich steigt, zum Beispiel auf 50 Dollar, kann er sein Bezugsrecht ausüben. Er übernimmt die ATT-Aktien für 30 Dollar pro Stück und verkauft sie postwendend zum aktuellen Börsenkurs. Unter dem Strich bleiben dann bei diesem Rechenbeispiel immerhin 9875 Dollar übrig, Spesen nicht mitgerechnet.

Der Versuch, schnell einen hohen Gewinn zu erzielen, ist gefährlich. Zwar steht hinter ATT ein attraktiver High-Tech-Konzern mit einer moderaten Börsenbewertung. Aber der Bär, das Symbol für eine schwache Börse, lauert weltweit – auch an der Wall Street.