Unergründlich sind die Geheimnisse des Himmels und die Abgründe der Hölle. Aber eines ist doch ziemlich wahrscheinlich: Aus einem irdischen Langweiler wird niemals ein interessanter Engel. Und auch seine Martern in den Glutöfen der Hölle lassen uns von Herzen kalt. Wenn Gott und Teufel um eine arme Seele kämpfen, muß die Seele eine Seele haben – sonst lohnt sich der ganze metaphysische Aufwand nicht. Das ist das Problem mit Steve Brooks.

Wer zum Teufel aber ist Steve Brooks? Steve Brooks ist ein (selbstredend erfolgreicher) Werbemanager in New York City, der wahrscheinlich ganz tolle, flotte Werbetexte verfaßt und in seiner karg bemessenen Freizeit zahllose ganz tolle, flotte Frauen vernascht, um es mal ganz toll und flott zu sagen. Kein Mensch müßte sich für Steve Brooks interessieren (und schon gar nicht das Kino), widerführe ihm nicht plötzlich ein unverhofft dramatisches Ende: Drei seiner sog. Geliebten locken ihn ins Dampfbad, verwöhnen ihn ganz blöde mit Charme und Champagner, und dann ersäufen sie ihn (leider erfolglos), und dann knallen sie ihn ab (mit Erfolg).

An dieser Stelle ist der neue, der sechsunddreißigste Film von Altmeister Blake Edwards (wir erinnern uns: "Frühstück bei Tiffany") etwa zehn Minuten alt. Steve Brooks (Perry King, das gutaussehende Nichts) ist tot, und der Abschied von ihm fällt nicht gerade schwer. Doch schnell kehrt er aus dem Totenreich zurück. Als Frau! In Gestalt der furiosen Ellen Barkin! Und nun könnte, ja müßte aus Blake Edwards’ Film, der etwas plätschernd anfängt, wie ein lauwarmes Wannenbad, endlich eine wirklich heiße, höllisch komische Angelegenheit werden, wie man in der Werbebranche wohl sagen würde.

Im Jahre 1909 (wir wechseln kurz ins Totenreich des Theaters) schrieb der ungarische Autor Franz Molnar die unsterbliche Jahrmarktsballade und Schnulze "Liliom". Herr Liliom (Schuft und Herzensbrecher) muß nach seinem schaurigen Ende sechzehn Jahre im Fegefeuer braten – dann darf er auf die Erde zurück, um durch eine gute Tat seine Seele für die lange Ewigkeit zu retten. Doch leider ist Liliom auch durchs Feuer keineswegs gereinigt – weshalb er seine geliebte Tochter Luise jähzornig schlägt. Doch das gute Kind, o Wunder, sagt hierauf zur Mami nur: "Es hat überhaupt nicht weh getan." Also ist Herr Liliom nun wohl doch ein Engel geworden. Einen "Edelschmarren" nannte Alfred Kerr das Stück: "Es leuchtet von Kitsch und Genie."

Auch der Schuft und Herzensbrecher Steve Brooks darf aus dem Fegefeuer zur Erde zurück. Findet er hienieden auch nur eine einzige Frau, die ihn aufrichtig liebt, ist seine Seele gerettet. Steve Brooks muß diese Prüfung als Frau bestehen, der Himmel weiß warum, und der Kinogeher weiß es auch: weil man Herrn Perry King kaum zehn Minuten zuschauen mag, Frau Ellen Barkin aber immer und ewig. Meint man. Ein Irrtum. Gewiß, ein "Schmarren" ist "Switch" auch geworden – aber er leuchtet leider nur matt. Statt Genie nämlich investiert Blake Edwards nur stramme Könnerschaft – und auf die Erlösung der Komödie durch den Kitsch muß man bis fünf Minuten vor Schluß verdrossen warten.

Steve Brooks also erwacht und kehrt wieder als Amanda Brooks. Welch ein Schicksal, als Mann im absurden Körper einer Frau zu stecken! Diese Mühsal schon beim Pinkeln! Diese lächerliche Wäsche und Unterwäsche! Und das Fürchterlichste von allem sind diese idiotischen italienischen Schuhe mit den hohen Absätzen!

Amanda Brooks ist auch als Frau ein ganzer Kerl. Redet obszön herum wie ein Kerl. Bewegt sich plump wie ein Kerl. Prügelt sich herum wie ein Kerl. Natürlich ist Ellen Barkin (wir erinnern uns: "Sea of Love") die beste Besetzung für die Rolle, wie im Himmel, also auch auf Erden. Sie hat den bizarren, etwas windschiefen Zauber einer demolierten Fee – gerade noch hold und schön und engelsblond, in der nächsten Sekunde krumm und zerschunden. Nie weiß man, wohin sie soeben unterwegs ist – hoch hinauf ins Kinomärchen oder mitten hinein in die nächste Schlägerei.