Von Erich Hackl

Am 20. Juli 1960 ging die neunundvierzigjährige Maria Theresia Wilhelm, geschiedene Gantenbein, von Grabs im sanktgallischen Rheintal nach Buchs, um ein paar Schuhe zu kaufen.“ So nüchtern beginnt Stefan Keller, Redakteur der Zürcher WochenZeitung, sein literarisches Protokoll aus der Schweizer Provinz. Er erzählt die Geschichte einer Vorarlberger Serviertochter und ihres Mannes, des Ostschweizer Bergbauern und Wildhüters Ulrich Gantenbein, vom vorläufigen Ende her, von hinten nach vorn. Eine ungeheuerliche Geschichte von der Vernichtung einer Familie durch Behörden und Psychiatrie.

Wegen widerspenstigen Verhaltens gegenüber Amtspersonen (also: weil er sich weder duckt noch fügt) wird Ulrich Gantenbein im März 1936 ins Kantonale Asyl von Wil eingeliefert, „zum Zwecke der Beobachtung seines Geisteszustandes“, während man seine Geliebte Maria Theresia Wilhelm nach Österreich schafft. Damit startet die Hetzjagd auf zwei Außenseiter, die von Anfang an auf verlorenem Posten stehen – sie werden, in psychiatrischen Kliniken und in Arbeitshäusern, einer gräßlichen Tortur unterworfen, bis die Ärzte ihr Ziel erreicht haben – die Opfer mit Elektroschocks, Morphium, Schlafkuren, Zwangsbädern und Hirnoperation „ruhigzustellen“.

Die Zerstörung dieser beiden Menschenleben bringt es mit sich, daß auch die sieben Kinder von Ulrich und Theresia auseinandergerissen werden: um sie der „sittlichen Verkommenheit“ ihrer Eltern zu entziehen, werden sie in Pflege gegeben, von klein auf als Knechte und Mägde ohne Lohn gedemütigt und mißhandelt – „ruhiggestellt“ auch sie.

Stefan Keller erzählt knapp, in einem sachlichen Tonfall. Er versagt sich Gefühlsregungen, schafft aber durch die Anordnung der Dokumente – Aussagen von Nachbarn und Verwandten, Eintragungen der Psychiater, Briefe biederer Amtmänner und Landjäger – jene Anteilnahme, die das Leid der Opfer und die Unbarmherzigkeit der Täter erfordern. Man ergreift nicht sofort Partei für die Helden dieser Geschichte: Ulrich Gantenbein muß ein jähzorniger Mann gewesen sein, unduldsam und hart, auch gegen seine Frau Maria Theresia. Sie wiederum verließ ihn, wenn sie seine grundlose Eifersucht, seine heftigen Gefühlsausbrüche nicht mehr ertrug, floh über die Grenze ins heimatliche Vorarlberg.

Stefan Keller zeigt, daß gerade das erlittene Unrecht Gantenbein zu seinen verzweifelten Ausbrüchen zwang und daß seiner Frau nicht einmal diese Möglichkeit – die von außen erlittene Gewalt in der Familie weiterzugeben – offenstand: Bis zuletzt bäumte sie sich auf, bewahrte ihre Würde selbst dann noch, als man ihr im August 1950 einen Teil des Gehirns amputierte.

Der in seiner Präzision bisweilen unerträgliche Bericht läßt an Kleists Erzählung von Michael Kohlhaas denken. Aber es ist kein wohlhabender Roßhändler, sondern ein armer Bergbauer, der im Kampf um sein Recht unterliegt. Ein Wildhüter, der zum Wilderer wird, ein tatkräftiger, lebenslustiger Mann, der gepeinigt wird, bis sein Stolz gebrochen ist, und der zuletzt sogar darauf verzichtet, um das Sorgerecht für seine Kinder zu kämpfen – scheu streicht er um die Häuser, in denen sie untergebracht sind, in der Hoffnung, sie einen Moment lang aus der Ferne zu sehen. Wie Kohlhaas ist Ulrich Gantenbein, noch zu Lebzeiten, zum Mythos geworden; Verachtung und Bewunderung, schroffe Ablehnung und heimliche Zuneigung galten diesem Mann, der so anders war als die Bauern am Studnerberg, die Stickereiarbeiter unten im Tal.