Ganz anders die Frau! "Die Lebendigkeit und Sensibilität von Theresia Wilhelm hat man in Grabs nie bewundert." Von den Dörflern wurde sie ihr Leben lang geschnitten. Sie hat eine Ehe zerstört, hieß es. Frech sei sie gewesen, locker im Lebenswandel, aufreizend, anspruchsvoll. Sie blieb immer eine Fremde, Ausländerin, zuletzt berief sie sich sogar selbst, unter der Folter der Psychiater, auf ihre Herkunft, die "deutschösterreichischen Mutterschutzgesetze".

Für Ulrich Gantenbein empfanden einige Nachbarn immerhin noch Mitleid; als Maria Theresia Wilhelm einen Monat nach ihrer Entlassung, nachdem man sie in der Klinik von Pfäfers medikamentensüchtig gemacht hatte, auf dem Weg von Grabs nach Buchs verschwand, vermißte sie außer Ulrich niemand. "Man habe natürlich nicht besonders viel Interesse daran gehabt, Frau Wilhelm wiederzufinden. Man habe bloß soviel gesucht, wie gesetzlich vorgeschrieben war." Im Herbst 1960 wurde die Frau zum letztenmal gesehen. "Dafür gibt es eine Zeugin in Vorarlberg. Mehr gibt es vorläufig nicht."

Kellers Bericht erschien zuerst, in fünf Folgen, in der WochenZeitung. Die Buchausgabe dokumentiert im Anhang die Erregung, die die Erstveröffentlichung ausgelöst hat. Das ist gut so. Denn die Zurückhaltung des Autors, seine Weigerung, das Ergebnis der Recherchen zu kommentieren und durch eigene Vorstellungskraft zu ergänzen, überfordert den Leser: Der will nicht alleingelassen werden mit dieser Geschichte, sehnt sich nach Gleichgesinnten, die seine Wut und seine Ohnmacht teilen.

  • Stefan Keller:

Maria Theresia Wilhelm, spurlos verschwunden

Geschichte einer Verfolgung; Rotpunktverlag, Zürich 1991; 122 S., 18,80 DM