Die Erneuerung der sowjetischen Konkursmasse kann von der größten Republik ausgehen

Von Christian Schmidt-Häuer

Es waren aber Hirten auf dem Felde, die weideten ihre Schafe. Und als sie des Herrn ansichtig wurden, der ihnen vor nicht geraumer Zeit den Stern mit rotem Banner für ihre Bestarbeit verliehen hatte, da eilten sie, ihn zu begrüßen. Doch der Herr wandte sich ab, kehrte zurück in einen Bus, in dem weitere dreißig Herren saßen, und machte sich auf über die chinesische Grenze.

So berichteten Landbewohner in Kasachstan vom Beginn der neuen Zeitrechnung, nachdem sie am vergangenen Donnerstag Barden und Büttel des aufgelösten Zentralstaats beim Auszug ins Reich der Mitte beobachtet hatten. Dies begab sich, laut Interfax, zu eben der Zeit, da im Kreml das höchste Machtorgan – der Volksdeputiertenkongreß – das dritte Rom des Zaren und das koloniale Weltreich der Zöglinge Lenins auflöste. Die Konkursmasse soll als schnell geschmiedeter eurasischer Staatenbund in eine bürgerlich-demokratische Gesellschaft überführt werden – von einem Parlament an den Zügeln der zehn beteiligten Republikführungen, einem alles dirigierenden Staatsrat und einem interrepublikanischen Wirtschaftskomitee. Wie kann diese Rechnung aufgehen?

Lenin wird begraben. Doch aus der Bronze seiner gestürzten Statuen werden vielerorts schon neue Kultfiguren gegossen. Der Nationalismus ist das Goldene Kalb der Unabhängigkeitsfeiern. Drei der neuen Staaten sind in Aufruhr und von Spaltung, stalinistischer oder faschistischer Diktatur bedroht: Moldawien, Aserbeidschan, Georgien. Und zu drei Staatsformen geht der Trend innerhalb des neuen Bundes: zu slawischen Demokratien, zu modernisierten asiatischen Despotien und zu balkanisierten Diktaturen im Kaukasus. Die Europäische Gemeinschaft ist das Ziel, doch die Organisation afrikanischer Staaten wird wohl das realistischere Beispiel für den Weg sein. Fast alle Grenzen bleiben umstritten, und die verbliebenen Republiken sind weder fertige Nationalstaaten, noch repräsentieren sie angemessen die Völker und ethnischen Minderheiten. Die zwei Millionen Deutschstämmigen, um nur ein Beispiel zu nennen, haben keine Vertretung im neuen provisorischen Staatswesen.

Dennoch haben die vier heute verantwortungsvollsten Republikpräsidenten Jelzin (Rußland), Nasarbajew (Kasachstan), Ter Petrosjan (Armenien) und Akajew (Kirgystan) zusammen mit ihrem doch noch vom Kommunismus bekehrten Schlichter Gorbatschow eine bravouröse Notoperation vollbracht. Mit allen Kunstgriffen und Betäubungsspritzen für die alten Parteidelegierten schützen sie dieses Sechstel der Erde vor dem sofortigen wirtschaftlichen Ausbluten und dem Verlust aller Ordnung. Doch was wird aus dem Patienten? Die ersten westlichen Ferndiagnosen ließen Erleichterung darüber erkennen, "daß der Abgang des Sowjetkommunismus von der Weltbühne in dieser stillen und geordneten Form" erfolgte. Die baldige Rehabilitation gilt manchen bereits als ausgemacht: "Daß sich die neuen unabhängigen Staaten mittelfristig in Richtung Westeuropa orientierten ..., steht außer Zweifel."

Verfrühte Triumphe