Von Nina Grunenberg

Er war nicht mehr zu retten. Seinem Ruf, ein "Selbstmörder im Angesicht des Abgrunds" zu sein – er haftete ihm im Westen an, seit er die politische Bühne betrat –, blieb er bis zum Ende treu. Dabei gaben sich die wenigen Freunde, die er in Bonn hatte, noch Mühe, ihm in seiner Drangsal zu helfen. Das, fanden sie, verlangte schon der Respekt vor der historischen Rolle, die Lothar de Maizière als letzter – und erster frei gewählter – Ministerpräsident der alten DDR übernommen hat – und war es auch nur für 176 Tage.

Die Mühe war umsonst. De Maizières Berater hätten es wissen müssen. Selbst wenn ihm die "Edelkunst der Selbstdarstellung" nicht dermaßen zuwider wäre, es gäbe mit einem protestantischen Preußen von seiner kargen Machart ohnehin nicht viel zu inszenieren. Im vergangenen Jahr hatten sie oft genug erlebt, daß er kein Politiker nach Bonner Paßform war, sondern ein Überzeugungstäter, der wollte, was er mußte – der Schrecken für die Profis. Zum Schluß faßten sie sich nur noch theatralisch an den Kopf oder ächzten, wenn sein Name fiel.

Nach Drehbuch hätte er mit seinem Rücktritt – als Stellvertreter des CDU-Bundesvorsitzenden Helmut Kohl, als Vorsitzender der CDU-Programmkommission und als Landesvorsitzender der CDU in Brandenburg – bis zum 3. Oktober gewartet, dem ersten Jahrestag der deutschen Einheit. Das hätte zwar der CDU nicht geschmeckt, aber für seine altmodische Vorstellung von Würde wäre es das richtige Datum gewesen, um den Abgang nachzuholen, der schon vor einem Jahr fällig gewesen wäre.

Heute weiß er, daß er einen Fehler machte, als er für sich die Rolle eines Anwalts der Ostdeutschen bei den Westdeutschen beanspruchte. Wenn sie überhaupt einen brauchen, steht dafür inzwischen auch Manfred Stolpe zur Verfügung, der gescheite und taktisch geschickte Ministerpräsident von Brandenburg. Er wuchs von ganz allein in diese Rolle hinein.

Auch deshalb schloß Lothar de Maizière dieses Kapitel in der vergangenen Woche mit der Bemerkung ab: "Der Pathologe stellt immer die sichersten Diagnosen." Er hat eine Vorliebe für sarkastische Tendenzen. Das Gespräch in seinem schmucklosen Bonner Abgeordnetenbüro im dreizehnten Stock des Hochhauses am Tulpenfeld fand am gleichen Tag statt, an dem er Helmut Kohl morgens von seinem bevorstehenden endgültigen Abschied aus der Politik informierte. Niedergedrückt war er nicht. Allenfalls machte er den Eindruck eines Mannes, der nicht gewußt hatte, wie groß "die Demütigungen des Fortschritts" (Joachim Fest) sein können, und der nicht aufhörte, sich darüber zu wundern.

Das Drehbuch? Es blieb ungenutzt. Ohne den Eklat in der CDU-Vorstandssitzung am 31. August hätte ein letzter Auftritt von Lothar de Maiziere in der Öffentlichkeit immer noch seine Wirkung gehabt. Er hätte die Summe seiner politischen Leistung als "Mann des Übergangs" ziehen können. Gehofft hatten seine Berater auch, daß er sich endlich ein Wort zu den Stasi-Verdächtigungen abringen würde. Danach hätte sich von selber verstanden, warum seiner Familie und ihm das politische Leben unerträglich geworden war. Sein Abschied hätte eine Form gehabt.