Von Gabriele Killert

Das "Gerichtsitzen über die Schweiz" fand schon an manch unwirtlichem Orte statt – im "wonnigen und sonnigen", aber engen Städtchen Seldwyla oder in Robert Walsers Zöglingsinstitut Benjamenta, wo man lernte, das Leben zu verfehlen.

Der Schweizer Autor Rudolf Bussmann (Jahrgang 1947) hat sich in seinem Erstlingsroman "Der Flötenspieler" für die zeitgemäße Maske einer großen Versicherungsanstalt entschieden. Und da Satire dick auftragen darf, führt er uns hier noch einmal durch Dantes Commedia, Abteilung Hölle.

Im Limbus-Haus der Perduta Lebensversicherung, einer Zentrale des Organisierten Gebrechens (Feuer, Glasbruch, Nichtleben et cetera) büßen zwischen schallschluckenden Wänden und "greisenhaftem Immergrün" eines Großraumbüros dreizehnhundert Lebensverpfuscher und Selbstverräter ihre Lauheit mit quälender Langeweile und Leere. Die einzige Abwechslung, die ihnen hier vergönnt ist, das einzig Bunte, sind die Valium-Pillen nebst zugehörigen Krankenlegenden, mit denen im Schutz der Grüngestecke denn auch eine rege Tauschbörse betrieben wird.

In diesem Reich der Vampire, wo jeder Schritt von zirpenden Elektronenaugen überwacht wird, hat auch Bussmanns Held (und Alter ego) Thomas Orfeo Waller sein "Saugnäpfchen des guten Auskommens" gefunden. Mit Waller präsentiert uns der Autor keinen artigen Beschwerdeführer in Walsers Manier. Waller, der verhinderte Musiker, ist vielmehr ein Schmoller von "Stiller"schem Geblüt, und so kann er der Versuchung, seine bisherige Angestellten-Identität von Grund auf zu annullieren, nicht widerstehen.

Fremd ist er sich – und seiner Frau, die sich gerade von Hilde zu Mathilda "verwesentlicht" – längst geworden. Nun hilft ihm sein Körper auf die Sprünge, indem er ihm höhnisch vorführt, was es heißt, den Dienst zu verweigern: Lähmungssymptome ("Auf Lebzeiten an den Tisch gefesselt"), Atemnot, "Flämmchen" vor den Augen, Magenkrämpfe ("Keine Nahrung erbrach er: sich selbst") – auch die so gewitzten Hypochonder eines Adolf Muschg könnten ihren Welt- und Phantomschmerz kaum opulenter inszenieren.

Mit einem imposanten existentialistischen Urschrei vor versammeltem Höllendirektorium quittiert Waller den Dienst und flieht wie Lenz ins Gebirg, an den Busen der Natur, die schon immer seine Zuflucht war. Nun sind die Wälder bei seinem Anblick "weit davon entfernt, einen gelösten Eindruck zu machen", haben sie doch mit ihrer eigenen "larvierten Depression" genug zu tun. Waller fühlt sich zurückgestoßen, deplaciert... Und so steigt der frischgebackene Aussteiger zum zweiten Mal aus, verschwindet und hinterläßt uns dieses Tagebuch seines Ausstiegs in drei Heften.