Wie im Westen" Ärger gehabt: "Das Buh dröhnte aus 6000 Mündern, besonders von Frauen Diese Aufregung kann sie nicht verstehen: "Wir leben doch in einer Welt, wo überall Gotteslästerung stattfindet, wo Kinder an Hunger sterben "

Sie sitzt mir gegenüber im Wohnzimmer ihres Einfamilienhauses in BerlinKarlshorst. Hose und Bluse passen zum Blau ihrer Augen, dazu die blonde Mähne. Weil sie stark wirkt, bitten viele sie um Hilfe. Sie aber fühlt sich von ihnen überfordert und hat sich aus dem Telephonbuch streichen lassen. Oft wünscht sie sich selbst jemanden, der ihr sagt, wie es weitergeht. Dabei ist die Thalheim nicht larmoyant, was Westdeutsche an Ostdeutschen so gern bemängeln. Sie singt widerborstig, und wenn sie redet, wird sie manchmal ganz schön aggressiv. Eine Lieder Unruheverbreiterin nennt sie sich, eine aus der DDR. Sie sagt nicht "ehemalige DDR" — "Man sagt schließlich auch nicht ehemaliges Mittelalter "

Barbara Thalheim, 43 Jahre alt, gehörte zum Adel der DDR: Tochter eines Kommunisten, der 1931 nach Frankreich emigrierte, von dort 1942 ins KZ Dachau gebracht wurde, überlebte. Es hat sie geprägt, daß "keiner, wirklich keiner" aus ihrer Familie Nazi war. Sie war stolz auf den Vater, auf dessen Freunde, war begierig auf ihre Geschichten aus der Emigration, aus dem Konzentrationslager. Die Eltern arbeiteten im Kulturbetrieb der DDR. Der Vater war zeitweise Dramaturg bei Felsenstein, dem Intendanten der Komischen Oper. Heute sieht sie, daß viele, die aus der Emigration zurückkamen und anfingen, einen Staat aufzubauen, überfordert waren. Vielen, so auch ihrem Vater, fehlte die Ausbildung für ihre Arbeit. Der daraus entstehende Druck entlud sich häufig in der Familie.

Geprägt vom Elternhaus, tritt Barbara früh in die SED ein, lernt Schlagersängerin an der Berliner Fachschule für Unterhaltungskunst, gehört drei Jahre zum Oktoberclub, dem bekanntesten Singeclub der DDR. Doch wie viele Emigrantenkinder ist sie sensibler als andere gegenüber der Diskrepanz zwischen Ideal und Wirklichkeit, entwickelt eigene Ideen von Demokratie, Freiheit und sozialer Gerechtigkeit und stellt sie offenherzig in ihren Liedern vor. 1980 wird sie aus der Partei rausgeschmissen, geht auf Distanz.

Egal, welche Werte gerade die Welt regieren - die Thalheim wird sich immer auf die Seite der Schwächeren stellen, für sie streiten. Sie hat etwas gegen "Endzeitmenschen", Menschen, die glauben, das Leben sei vorbei, wenn die Kinder groß, Auto und Schrankwand gekauft sind. Sie ist mehr für die, die das, was sie zur Stützung der eigenen Person gebaut haben, in Frage stellen können: das Konto, den Ehepartner, die Partei. Ihr gefallen Menschen, die hinter der Tür, die sie öffnen, das Unmögliche erwarten, überhaupt Leute, die für etwas brennen: "Und wenn es nur ein blödes Hobby ist wie Briefmarkensammeln. Sie müssen alles andere darüber vergessen können "

Barbara Thalheim schwärmt von der Zeit der Runden Tische und Bürgerbewegungen, der Zeit der "wirklichen DDR", die für sie vom 4. November 1989 bis 18. März 1990 dauerte "Im Herbst 1989 haben wir irre Auftritte erlebt, volle Säle. Im Nationaltheater Weimar sind die Leute aufgestanden, wir haben uns vor ihnen hingekniet, kaum einer, der nicht geheult hat. Ich habe mir immer gesagt: Das bist nicht du, das ist die Zeit. Anderthalb Monate schwebte ich über dem Boden, jeden Abend, vor Tausenden von Mensehen. Und dann bin ich aus Wolke sieben in die Müllkippe gefallen. Jetzt sind fünfzig im Saal, mal dreißig. In Erfurt waren es neulich sechshundert In Barth an der Ostsee saßen in einem Saal für dreihundert Leute sieben "Wie oft habe ich in letzter Zeit hinter der Bühne gestanden und gesagt: Das schaffst du nie Aber diszipliniert hält sie auch solche Abende durch. Natürlich gebe es noch Höhepunkte "Neulich in der Volks Uni habe ich vor ein paar tausend Leuten gesungen. Oder im Maxim Gorki Theater, das hat noch einen Intendanten aus der DDR, der Leute wie mich bei sich singen läßt "

Sie erinnert sich, wie sehr Menschen sich von September 1989 bis März 1990 engagiert haben: "Ich will nicht glauben, daß die jetzt alle in Hamburg wohnen oder sich alle total angepaßt haben, lebende Leichen sind Nein, nach der alten DDR sehnt sie sich nicht zurück. Sie trauert aber dem nach, was die DDR hätte sein können. Weil sie herausfinden wollte, warum sie nach Auslandsauftritten in der Schweiz oder der Bundesrepublik immer wieder zurückkehrte, an der DDR festhielt, bettelte sie vor zwei Jahren so lange, bis man sie nach Frankreich ließ. Dort arbeitete sie auf einem Bauernhof, fand zunächst mal heraus, daß sie nicht schwer körperlich arbeiten kann und daß sie es kaum erträgt, sich in einen durchorganisierten Arbeitsprozeß einzugliedern. Sie sah Zypressen und wunderschöne Sonnenuntergänge. Und wußte auf einmal, wonach sie Sehnsucht hatte, "nämlich nicht nach Hiddensee, nicht nach den Freunden, sondern nach dem Kaputten, nach den häßlichen Kneipen, nach dreigeteilten Hotelbetten, nach Menschen in Rundstrickanzügen. Ich weiß, daß das pathologisch ist "