Von Hermann Glaser

So wie die Collage sich als eigenständiges Kunstwerk erweisen kann, mag die Aufsatzsammlung zum stringent sich entfaltenden Buch führen, wenn die einzelnen Beiträge aufs Ganze hin überarbeitet und miteinander "verfugt" werden. Kurt Sontheimer ist dies in seiner Sammlung "Deutschlands Politische Kultur" nur teilweise gelungen: Die bereits veröffentlichten Teile sind zwar mit den neu entstandenen, auch die aktuelle Situation Deutschlands berücksichtigenden Kapiteln logisch verbunden; doch hätten störende Bruchstellen vermieden werden können. Während zum Beispiel der Text bis Seite 88 ohne Anmerkungen arbeitet, werden danach jeweils Zitatbelege und Buchhinweise aufgeführt (was zu begrüßen ist).

Oder: Wegen "vorbildhafter Größe in der modernen Politik" werden Papst Johannes XXIII. und John F. Kennedy erwähnt. Die Bedeutung des früheren amerikanischen Präsidenten hätte angesichts der heute vorliegenden Erkenntnis relativiert werden müssen. Zudem überrascht, daß Gorbatschow nicht erwähnt wird. Dieser Textteil stammt eben aus dem Jahr 1966 und wurde unverändert übernommen. Bei anderer Erwartungshaltung – den anthologischen Charakter des Buches akzeptierend – ergibt sich ein spannender, inhaltlich reichhaltiger und von der Darstellung her eingängiger Streifzug durch die verschiedenen Bereiche deutscher politischer Kultur.

Das Kapitel über die "Politische Kultur der DDR" (in Zusammenarbeit mit Wolfgang Bergem) ist ein besonderes Meisterstück und zeigt exemplarisch Sontheimers bekannte und geschätzte Fähigkeit, Wesentliches prägnant und anschaulich, mit herausfordernder Nachdenklichkeit aufzuzeigen. "Ich bekämpfe", schreibt der Autor von sich selbst, "soweit dies überhaupt in der Macht eines in einem komplexen System agierenden Intellektuellen mit einem Hang zur Common-sense-Argumentation liegt (die der Demokratie jedoch zweifellos angemessener ist als elitäre Theorieansprüche), die Wandlungs- und Verunsicherungstendenzen in unserer politischen Kultur, weil ich der Auffassung bin, daß sie durch ‚das Wirken des Geistes‘ mit erzeugt worden sind."

Wer wie Sontheimer die Tradition antidemokratischen Denkens in der Vergangenheit so umfassend erforscht und beschrieben hat, dem kann sich mit Recht die Bundesrepublik als ein erfreulich stabiles, durch Maß und Mitte geprägtes Staatsgebilde präsentieren. Die 68er-Bewegung erscheint dann als jugendlich-überzogenes, pubertäres Unterfangen, was sie sicherlich auch war (aber eben nicht nur). Sensibel, manchmal auch allergisch reagiert Sontheimer, wenn er antizivilisatorische Tendenzen vermutet, die "oft ganz unbefangen auf die Topoi der bürgerlich-konservativen Kulturkritik zurückgreifen und auch Anleihen beim traditionellen deutschen Irrationalismus nicht scheuen".

In der Tat lassen sich republikanische Gesinnung und Gesittung nicht auf Kulturpessimismus bauen; sie bedürfen – und Sontheimer ist darin vorbildlich – eines handlungsbereiten Optimismus. Dieser ist jedoch ein irrationaler Faktor; er muß ermutigt und bestärkt werden – bedarf der "Beglaubigung". Sontheimer sieht grundsätzlich in der Romantik ein deutsches Verhängnis – was für die politische Romantik zutrifft, aber der kulturellen Vieldimensionalität des Romantischen nicht entspricht. Wenn Schelling zum Beispiel vom "Mythos der Vernunft" spricht, so wird durch diese scheinbare Paradoxie verdeutlicht, daß politische Kultur nicht nur der Common-sense-Nüchternheit, sondern auch des optativischen Enthusiasmus (also der Bereitschaft zur Realutopie) bedarf.

Sontheimers kenntnisreiche Ausführungen über die "politische Kultur der Vorkriegszeit" (die sich als ideologisches Gruselkabinett erweist) rechtfertigen die Gesellschaftskritik der Linken nach 1945, die – angesichts der Perversion des deutschen Geistes seit der Mitte des 19. Jahrhunderts – den neuen Anfängen alter Engstirnig- und Bösartigkeit zu wehren trachtet. Daß Sontheimer befriedigt feststellen kann: "Aufs Ganze gesehen, finde ich, fehlt uns wenig oder fast gar nichts", ist auch jenen zu verdanken, die intensiv von Nachtgedanken heimgesucht werden und damit die politische Arbeit des Tages vor "teutscher" Überheblichkeit bewahren.