Seit Jahren schon kämpfen deutsche Politiker um ein Paradies: um die weltweit letzte Nische für Schnellfahrer. In den siebziger Jahren verteidigte die sozialliberale Koalition in Bonn das Privileg. Heute betätigt sich die Union im Verein mit den Liberalen als Gralshüter der freien Fahrt auf deutschen Autobahnen. So wird wohl auch ein Antrag der niedersächsischen Landesregierung im Bundesrat scheitern, die den Autofahrer zwingen will, bei Tempo 120 den Fuß vom Gaspedal zu nehmen. Das Wort Tempolimit bleibt ein Tabu. Mit geradezu phantastischem Aufwand an Desinformationen versucht Bonn hartnäckig, die freie Fahrt zu rechtfertigen: Skandal und Posse – alles zur gleichen Zeit.

Am wichtigsten wäre ein Ende der Raserei zum Schutz von Menschenleben. Schon 1977 kam die Bundesanstalt für das Straßenwesen bei einem Vergleich zwischen Richt- und Höchstgeschwindigkeit 130 zu dem Ergebnis: "Die Höchstgeschwindigkeit läßt gegenüber der Richtgeschwindigkeit eine Verbesserung der Unfallbilanz erwarten. Unterschiede zeigen sich ... besonders deutlich bei der Anzahl der Schwerverletzten und Getöteten." Trotzdem wurde Ende 1978 Tempo 130 nur als Richtgeschwindigkeit vorgeschrieben. Und niemand richtet sich danach.

In der ersten Hälfte der achtziger Jahre trieb die Deutschen das Waldsterben um. Wieder schien die freie Fahrt bedroht. Also inszenierte Bonn den "Abgas-Großversuch", um zu beweisen, daß eine Geschwindigkeitsbegrenzung das falsche Mittel sei, den deutschen Forst zu retten. Tatsächlich kam bei der umstrittenen Untersuchung heraus, daß bei Tempo 100 die für die Bäume gefährlichen Stickoxide "nur" um gut zehn Prozent vermindert würden. Das ist zuwenig, wie Bonn meinte, um den Deutschen ihren Geschwindigkeitsdrang zu beschneiden, zumal die Autoindustrie sich mittlerweile dazu durchgerungen hatte, den kurz zuvor noch entschieden abgelehnten Drei-Wege-Katalysator zu akzeptieren. Bundeskanzler Helmut Kohl verkündete damals, daß es während seiner Amtszeit nicht zu einem Tempolimit kommen werde.

Die Nörgler wollten trotzdem nicht verstummen. Vielleicht wurden sie sogar von dem Versprechen des Kanzlers ermuntert, die "Schöpfung zu bewahren"; jedenfalls beriefen sie sich nun darauf, daß trotz Katalysator mit zunehmender Geschwindigkeit der Schadstoffauswurf ansteigt, erst recht die Emission des klimaschädlichen Kohlendioxids. Kritiker können sich sogar auf Untersuchungen des Umweltbundesamtes berufen. Danach sinken die CO 2-Emissionen bei Tempo 120 auf Autobahnen um zehn Prozent.

Dies alles brachte auch besonnene Unionspolitiker zum Nachdenken. Vergangene Woche entschloß sich Bundesumweltminister Klaus Töpfer im ZEIT-Interview, eine "weiter reichende Geschwindigkeitsregelung und -begrenzung" zu fordern. Zur notwendigen Verstetigung des Verkehrs trage auch eine "allgemeine Geschwindigkeitsbegrenzung" bei, sagte Töpfer. Doch die Glückwünsche der Umweltschützer kamen zu früh. Zwischen einer "allgemeinen Geschwindigkeitsbegrenzung" und einem "Tempolimit" gibt es offenbar einen Unterschied. Jedenfalls wähnt Verkehrsminister Günther Krause sich einer Meinung mit Töpfer: Es soll kein Tempolimit geben. Und statt energisch zu widersprechen, läßt Töpfer der Phantasie der Polit-Auguren freien Lauf.

Das Tempolimit bleibt ein Tabu – die Politik verkommt zum Gegenstand der Sprachforscher.

Fritz Vorholz