Von Hans Harald Bräutigam

Wie ein Geophysiker, der an der Pariser Sorbonne promoviert hat, sieht der knapp vierzigjährige Abdelkader Hiri wirklich nicht aus. Kopf und Gesicht sind unter einem kunstvoll aus dem acht Meter langen schech geschlungenen Turban verborgen. Nur die blauen Augen blitzen heraus. Abdelkader Hiri ist ein Tari, ein Mitglied des Berberstammes der Tuareg, und seiner Visitenkarte zufolge Directeur General einer Reiseagentur im algerischen Tamanrasset. Von dort aus führt er mit Jeeps oder auf Kamelen Touristen durch das Hoggargebirge in der südöstlichen Sahara. Seine Vorfahren haben als Nomaden mit ihren Kamelkarawanen Salz, Hirse oder Tee über Hunderte von Kilometern bis zum Niger oder nach Mali transportiert. Damit ist es vorbei, seitdem erst die Franzosen, dann, nach dem Ende von Algerie française, die im nördlichen Afrika wohnenden Araber erbärmliche Asphaltpisten gebaut haben, auf denen Lastwagen die Karawanen verdrängten.

Die Tuareg aus dem "Land der blauen Männer" sind hager und groß. Stolz und Unabhängigkeit aus ihrem früheren kriegerischen Nomadendasein haben sie beim Umsteigen vom Kamel hinter das Steuer ihrer geländegängigen Fahrzeuge nicht verloren. Mit Kupplung und Allradantrieb werden sie auf den halsbrecherischen Fahrten durch vulkanisches Geröll oder tiefen Wüstensand so gut fertig, als ritten sie im Sattel von Tamanrasset zum fast 3000 Meter hohen Massiv des Atakorgebirges im Hoggar. Schnell verliert der autobahngewohnte Reisende die anfängliche Angst, wenn der Fahrer mit traumtänzerischer Sicherheit auch dort noch für das Fahrzeug einen Weg findet, wo der Europäer nichts mehr erkennen kann.

Daß es heiß ist – im Mai sind Tagestemperaturen von 35 Grad keine Seltenheit – und vom wolkenlosen blauen Himmel die Sonne brennt, merken wir kaum. In der Sahara schwitzt man wegen der trockenen Luft nicht. Nur am gesunden Durst erkennen wir, wenn es Zeit für eine Rast ist. Rasch errichten die Tuaregs aus Ziegenhäuten und buntgewebten Decken einen Lagerplatz, dort, wo auf Sandflecken zwischen Felsbrocken blaßroter Oleander blüht. "Hier ist ein unterirdischer Flußlauf", erklärt der Geophysiker Abdelkader Hiri. "Da will ich im Sommer, wenn wegen der Hitze die Touristen ausbleiben, nach Wasser suchen." Seine beim Geophysikstudium in Paris erworbenen Kenntnisse will der Fremdenführer nutzen, um nach dem Verfahren des elsässischen Geologen Schlumberger im Hoggar verborgene Wasserschätze aufzuspüren.

Der Wassermangel ist das Hauptproblem in Algerien. Von dem riesengroßen Land, fast halb so groß wie Europa, können nur knapp drei Prozent landwirtschaftlich genutzt werden. Die von West nach Ost sich ziehenden Atlasgebirge riegeln den durch die Nähe des Mittelmeers fruchtbaren Norden des Landes von der kargen Wüstenregion im Süden ab. Über 85 Prozent Algeriens, des zweitgrößten afrikanischen Staates, bestehen aus Wüste – die Sahara, unter der wir Nordländer uns vornehmlich Sanddünen vorstellen. Die gibt es auch. Besonders im östlichen und westlichen Erg mit den eingesprengten Oasen, die schon länger zu den auch touristisch genutzten Regionen Algeriens gehören. Die Felswüsten, aus denen ein großer Teil der Sahara ebenfalls besteht, werden jetzt, allerdings noch sehr zögernd, von kleinen Gruppen europäischer Abenteurer besucht, die ihre Ferien in der Stille unberührter Natur verbringen wollen.

Eines der Ziele in dieser Gebirgsregion ist der knapp 3000 Meter hohe Atakor-Berg mit der auf dem Plateau des Assekrem versteckten Einsiedlerkirche der "Kleinen Priester Jesu". Fast zu einem Wallfahrtsort für Einsamkeitsfreaks aus den Industrieländern des Nordens ist die kleine aus Basaltsteinen erbaute Kirche des Charles de Foucauld geworden. Die Stille in der großen Weite des vulkanischen Berglandes wirkt nicht bedrückend. Die Sonne läßt die bizarren Felsformationen in ständig wechselnden Farben aufleuchten und vertreibt die Trostlosigkeit, die einen angesichts der gewaltigen Steinmassen überfallen könnte. Aus den Geröllhalden erheben sich unvermittelt steinerne Türme wie gotische Kathedralen. Überdimensional große rundlich, geformte Felsstrukturen erinnern an Skulpturen von Müttern, die ihre weit ausgestreckten Arme schützend um ihre Kinder legen. Diese Bilder verwandeln die Felsen des Hoggar in ein Märchenbuch aus Kindertagen.

Wenn nach Sonnenuntergang das Lichtspiel langsam von den Felsen schwindet, zaubert der südliche Sternenhimmel den Eindruck von Unendlichkeit. Die muß auch den französischen Pater Charles de Foucauld vor knapp hundert Jahren angezogen haben, als er auf dem Atakor eine kleine Kirche errichtete. Gott und seinen mohammedanischen Tuareg wollte er gleichzeitig nahe sein. Noch heute leben dort zwei Mönche in der .schönsten Einsamkeit der Welt". Sie studieren die Sprache ihrer streitbaren Nachbarn und zeichnen ihre sanften Lieder auf. Charles de Foucauld, der Krieg zwischen seinen Tuareg und den Franzosen lange verhindern konnte, ist von einem aufständischen Ordensmitglied der Senussis zu Beginn unseres Jahrhunderts – versehentlich, wie seine Mitbrüder berichten – getötet worden. Die römische Kirche hat den Eremiten, der seine Hütte dort aufschlug, wo die Welt im Rohzustand verharrte, seliggesprochen.