Suche nach den Krebsursachen

Von Hans Schuh

Macht uns unsere Umwelt krank? Für viele Menschen sind Umweltfragen Überlebensfragen, sie fühlen sich durch eine schleichende Vergiftung von Wasser, Luft und Nahrung bedroht. Sehr häufig genannt werden in diesem Zusammenhang Krebserkrankungen durch Umweltchemikalien. Um solche Leiden künftig besser erkennen und verhüten zu helfen, vergab am Freitag vergangener Woche die Hamburger Körber-Stiftung ihren Förderpreis für die Europäische Wissenschaft an vier Forscher, die auf diesem Gebiet Pionierarbeit geleistet haben. Der Preis, mit 1,25 Millionen Mark deutlich höher dotiert als der Nobelpreis, ging an vier Professoren: die beiden Würzburger Toxikologen Dietrich Henschler und Hans-Günter Neumann, an den Radiobiologen Lars Ehrenberg (Universität Stockholm) und den Toxikologen Werner K. Lutz (ETH und Universität Zürich). Der Stifter des Preises, der Hamburger Industrielle und Mäzen Kurt A. Körber, möchte mit dem Geld gezielt Forschungsarbeiten auf den Gebieten der Naturwissenschaften, Medizin und Technik fördern, "die einen wesentlichen Beitrag zur Erhaltung der Lebensbedingungen auf unserem Planeten versprechen".

Solch hehre Ziele nehmen gestandene Wissenschaftler selten für sich in Anspruch – es sei denn, sie werden von Journalisten hartnäckig bedrängt, in einem Halbsatz zusammenzufassen, wofür ihre Forschung denn nützlich sei. Insbesondere in der Grundlagenforschung – auf diesem Felde haben die vier Laureaten einen Großteil ihres internationalen Renommees erworben – werden kleinere Brötchen gebacken. Als nutzbringend erweisen sich die mühsam erarbeiteten Grundlagenkenntnisse meist erst im Zusammenspiel mit einer Fülle anderer Forschungsergebnisse und -techniken. So ist es auch in diesem Fall.

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Das gemeinsame Ziel der vier Gelehrten war und ist es, anhand detaillierter physikalisch-chemischer Untersuchungen besser zu verstehen, wie krebserregende Substanzen das Erbgut schädigen. Der heute 69jährige Strahlenkundler Lars Ehrenberg und seine Mitarbeiter an der Universität Stockholm machten dabei eine wichtige Entdeckung: Kanzerogene Stoffe greifen nicht nur das Erbgut (DNA) an, sie attackieren in ähnlicher Weise auch jene Produkte, die nach den DNA-"Bauplänen" im Körper hergestellt werden, nämlich die Eiweiße (Proteine). Ein solches Protein ist der rote Blutfarbstoff Hämoglobin. Weil es jederzeit über eine einfache Blutentnahme leicht zugänglich ist, wurde das Hämoglobin intensiv auf seine Wechselwirkung mit Umweltchemikalien untersucht.

Blutfarbstoff als Modell

Der Blutfarbstoff entwickelte sich so zu einer Art "Modellsubstanz" und erleichterte den Einblick in die Wirkungsweise erbgutschädigender Stoffe erheblich. Ehrenbergs Gruppe konnte zum Beispiel die krebsauslösende Wirkung von Strahlung und Umweltchemikalien in Beziehung zueinander setzen. Die Schweden sagten voraus, daß Arbeiter, die intensiv mit einem früher vielgebrauchten Konservierungs- und Desinfektionsmittel namens Ethylenoxid (Oxiran) in Kontakt kamen, ein erhöhtes Leukämierisiko tragen würden. Knapp drei Jahrzehnte später fand die Prognose die fatale Bestätigung.

Dietrich Henschler (66) und sein acht Jahre jüngerer Kollege Hans-Günter Neumann von der Universität Würzburg beschäftigten sich unter anderem mit der Beziehung zwischen der Dosis chemischer Schadstoffe und ihrer Wirkung im Organismus. Sie zeigten, daß viele krebserregende Stoffe erst dann Schäden an der DNA und am Hämoglobin erzeugen, wenn der Körper versucht, sie abzubauen. Erst die körpereigenen Enzyme schärfen die chemischen "Zeitbomben". Die unheilvollen Spuren an den DNA-Bausteinen lassen sich heute mit sehr großer Präzision feststellen. So gelingt es, unter zehn Milliarden "normalen" Bausteinen einen einzigen nachzuweisen, der chemisch verändert ist. Dies kommt der Aufgabe gleich, aus der gesamten Menschheit ein einziges Individuum zielsicher herauszufinden.

Solch präzise Untersuchungen ermöglichen fundiertere Aussagen darüber, wie groß das Krebsrisiko ist, das mit einem bestimmten Stoff einhergeht. Henschler war es, der auf europäischer Ebene die Forschungsaktivitäten in dieser Richtung bündelte. Werner Lutz, mit 46 Jahren der Jüngste im Quartett, lieferte hier wesentliche Beiträge.

Primus inter pares ist jedoch Dietrich Henschler, der künftig auch als Koordinator für den Einsatz des Preisgeldes in der Forschung verantwortlich ist. Nach dem Wunsch des Stifters sollen die Arbeiten "Aufschluß über die Anteile der wichtigsten Krebsursachen in der modernen Industriegesellschaft geben, um die Bemühungen zur Risikovermeidung auf eine wissenschaftliche Basis zu stellen". Vor allem an einem rationalen Konzept zur Risikovermeidung hapert es in der Politik, wie Henschler aus langer Erfahrung weiß.

Der Würzburger Toxikologe hat nämlich seit vielen Jahren eines der schwierigsten Ämter inne, die seine Zunft zu vergeben hat. Er ist im Auftrag der Deutschen Forschungsgemeinschaft DFG Vorsitzender der Senatskommission zur Prüfung gesundheitsschädlicher Arbeitsstoffe. Diese Kommission veröffentlicht alljährlich die neuesten Maximalen Arbeitsplatzkonzentrationen (MAK-Werte) und biologische Arbeitsstofftoleranzwerte. Sie legt damit fest, welche Mengen eines Schadstoffes maximal am Arbeitsplatz vorkommen dürfen. Die MAK-Werte bilden auch häufig die Grundlage für Entscheidungen, welche Mengen der Allgemeinbevölkerung zugemutet werden dürfen. In der DFG-Kommission sitzen rund vierzig Sachverständige, vorwiegend Toxikologen, Pharmakologen und Arbeitsmediziner, die in langwierigen, teilweise hitzigen Diskussionen Grenzwerte festlegen und Stoffe auf ihr krebserregendes Potential hin beurteilen. Erst kürzlich entfachten Mitglieder der Kommission eine öffentliche Debatte darüber, ob die in der Wärmedämmung von Gebäuden massenweise eingesetzten Mineralfasermatten durch die Emission feiner Stäube beim Menschen Krebs erregen und ähnlich wie Asbest aus dem Wohnbereich zu verbannen seien. Das abschließende Urteil der Kommission steht noch aus.

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Die sogenannte MAK-Liste hat weit über die deutschen Grenzen hinaus Bedeutung. In der Laudatio hieß es am vergangenen Freitag, sie stelle "das umfangreichste Programm dieser Art in Europa dar, das auch in der EG normativ gewirkt hat und in wesentlichen Teilen ebenso von den USA übernommen wurde".

Die Vorstellungen, die viele Laien, Politiker und Journalisten von der Krebsgefahr durch Umweltchemikalien hegten, seien häufig falsch und stark übertrieben, moniert Henschler und weiß sich hierin mit seinen Fachkollegen einig. Die oft zu hörende Behauptung, menschliche Krebserkrankungen seien überwiegend umweltbedingt – bis zu 85 Prozent werden genannt –, ist in hohem Maße mißverständlich. Sie trifft nur dann zu, wenn man den sehr unscharf definierten Begriff "Umwelt" so weit ausdehnt, daß man die Ernährungsgewohnheiten, Tabak- und Alkoholabusus, Sexualverhalten und Sonnenbaden als Umweltfaktoren betrachtet (siehe Graphik). Üblicherweise wird mit Umweltbelastung jedoch die industrielle Schadstofffracht in Luft, Wasser und Nahrung identifiziert.

"Den allgemeinen Luft- und Wasserverunreinigungen schreibt man circa zwei Prozent der Krebsfälle zu", sagt Henschler. "Diese Ziffer ist jedoch wenig gut belegt und nur grob abgeschätzt, im Gegensatz beispielsweise zu den Anteilen von 1,5 Prozent für das Sonnenlicht und einem Prozent für Medikamente, die recht genau ermittelt werden können." Schwierig einzuschätzen ist auch der in den Medien viel diskutierte Beitrag von Nahrungsmittelzusätzen und Haushaltschemikalien am Krebsgeschehen. Mit einiger Sicherheit läßt sich jedoch feststellen, daß er unter einem Prozent liegt.

Chaos der Grenzwerte

Doch woher weiß man, daß "zwei Drittel aller in unserer Wohlstandsbevölkerung beobachteten Krebse normaler Nahrung, den heute üblichen Ernährungsgewohnheiten sowie dem Tabakrauchen zuzuschreiben sind", wie Henschler sagt? Warum wirkt die ganz normale Nahrung in einem solch hohen, viele Laien überraschenden Maße krebserregend? "Der tatsächliche Grund ist vorwiegend Überernährung, zum kleineren Teil einseitige Ernährung", betont der Wissenschaftler. "Aus Tierversuchen weiß man, daß schon die unbeschränkte Nahrungszufuhr einhergehend mit starker Fetteinlagerung zu einer drastischen Erhöhung der Spontantumorrate führt." Ausführliche epidemiologische Untersuchungen, vorwiegend in den Vereinigten Staaten, aber auch in China, bestätigen diese Beobachtung für den Menschen. Sobald üppige, fleisch- und fettreiche Nahrung zur Verfügung steht, steigen die Krebsraten. Hinzu kommen eine Vielzahl anderer Faktoren, die erst teilweise identifiziert sind. So weiß man beispielsweise, daß die Hitzebehandlung besonders von Fleischprodukten zur Bildung stark mutagener (erbgutverändernder) und kanzerogener Stoffe führt. Starkes Anbraten, Grillen oder Pökeln sind ebenso beliebte wie gesundheitsgefährdende Methoden der Nahrungszubereitung.

Henschler vertritt die Auffassung, daß die "weitaus meisten Krebsarten vermeidbar sind, zum Teil durch persönliche Verhaltensänderungen". Dazu gehören weniger Fett, Zucker und Fleisch in der Nahrung, weitgehender Verzicht auf Tabak und Alkohol, eine bessere Sexualhygiene, Zurückhaltung beim Sonnenbaden et cetera. Seit Jahren predigen Präventivmediziner und Ernährungswissenschaftler solche Regeln, doch mit sehr mäßigem Erfolg.

Immer wieder zu Mißverständnissen Anlaß gibt auch die gängige Behauptung, die Krebserkrankungen in den Industrieländern nähmen zu. Dies ist zwar richtig, hat jedoch mit Umweltchemikalien sehr wenig zu tun, sondern geht hauptsächlich auf die veränderte Altersstruktur der Bevölkerung zurück. Krebs ist vorwiegend eine Alterskrankheit und gewinnt dementsprechend mit steigender Lebenserwartung an Bedeutung. Sorgfältige Analysen der Krebssterblichkeit in den Vereinigten Staaten zeigen (dort gibt es die weltweit beste Krebsstatistik, die Bundesrepublik ist dagegen ein Entwicklungsland), daß bei Berücksichtigung der veränderten Altersstruktur und der steigenden Zahl der Opfer des Tabakrauchs die altersbereinigte Krebsmortalität sogar leicht am Sinken ist.

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Sorge bereitet Henschler und vielen anderen Toxikologen, daß die übertriebene Angst vor Umweltchemikalien oder Strahlenbelastungen etwa im Gefolge von Tschernobyl die öffentliche Aufmerksamkeit und erhebliche finanzielle Mittel von der Bekämpfung unvergleichlich größerer Gefahren ablenke. Er beklagt "das Chaos heutiger Grenzwerte", die zum Teil nach äußerst verschiedenen Kriterien festgelegt werden und deshalb geradezu prädestiniert sind, bei Laien und Politikern eine heillose Verwirrung zu stiften. Henschler weiß aus leidiger Erfahrung, wie Grenzwerte unter politischem Druck zustande kommen. Als häufiges Muster schildert er den folgenden Ablauf: "In den Medien wird ein überraschender Befund über Kontamination von Luft, Boden, Wasser, Nahrungsmitteln oder anderen Umweltsektoren aufgegriffen und zur Erzeugung von öffentlichem Meinungsdruck aufgebaut. Behörden und Politiker begegnen dem Druck mit einer raschen Grenzwertfestsetzung. Damit ist der Dampf abgelassen, die Handlungsfähigkeit der Obrigkeit ausgewiesen und ein Alibi geschaffen."

Oft erweist sich dieses Alibi als teuer und höchst fragwürdig. Denn immer häufiger haben viele sogenannte Grenzwerte mit der Überschreitung einer "Grenze", hinter der jeweils Gesundheitsgefahren drohen, wenig oder gar nichts zu tun. So werden etwa Grenzwerte für die Belastung der Allgemeinluft (MIK-Werte) aus den für den Arbeitsplatz geltenden MAK-Werten gebildet, indem der Wert sicherheitshalber um das Zwanzigfache abgesenkt wird. Warum dieser Abstand und nicht eine zehn-, fünfzig- oder hundertfache Sicherheitsmarge gewählt wurde – dafür gibt es keine stichhaltige wissenschaftliche Begründung. Allgemein existieren auch keine festen Schwellenwerte in der Toxikologie, sondern es lassen sich bestenfalls Bandbreiten ermitteln, innerhalb deren mehr oder weniger empfindliche Individuen auf mehr oder weniger genau meßbare Giftbelastungen reagieren. Vor allem wenn millionstel, milliardstel oder wie beim Dioxin gar billionstel Gramm zu messen sind, treten immer wieder horrende Fehler auf. Doch die Behörden und die Justiz pochen auf feste Grenzwerte, für sie gibt es nur schwarz oder weiß, obwohl realiter Grautöne überwiegen..

Da häufig toxikologische Daten für den Menschen fehlen, müssen Tierversuche zur Beurteilung der Giftigkeit einer Substanz dienen. Sicherheitshalber wird die beim Tier beobachtbare Schwellenbelastung für den Menschen um das Hundert- oder Tausendfache gesenkt. Gänzlich andere Überlegungen gelten wiederum für das Trinkwasser. Hier spielt bei den meisten Verunreinigungen die Gesundheitsgefährdung überhaupt keine Rolle, sondern der "Grenzwert" liegt bei der analytischen Nachweisgrenze, ist also durch die apparative Kunst der Chemiker vorgegeben. Und mit der steht es nicht immer zum besten. Als vor wenigen Monaten bei einem Test etwa ein Dutzend renommierter Labors Wasserproben auf ihren Herbizidgehalt (Atrazin) untersuchen sollten, gab es massive Fehlurteile. Einige diagnostizierten sogar in Reinstwasser eine Überschreitung des Atrazin-Grenzwertes.

Gelegentlich zaubern wiederum Behörden, weil sie politisch unter Druck geraten sind, einfach einen Grenzwert aus dem Hut, "ohne Systemzusammenhang", wie Henschler feststellt. "Mit der Erwähnung der Gesundheitsvorsorge wird dem Laien suggeriert, der Grenzwertansatz orientiere sich an Gesundheitsdaten. Das trifft jedoch nicht zu, der Wertansatz entspringt einem Anflug höherer, jedoch nicht offengelegter Weisheit. Keinesfalls ist ein Bezug zu veröffentlichten oder geschätzten Gesundheitsdaten erkennbar." So wurde beispielsweise bei der behördlichen Festsetzung von "Grenzwerten" für das Reinigungsmittel Perchlorethylen in Nahrungsmitteln und in der Luft verfahren.

Irrige Gefahrenvorstellung

Kein Wunder, wenn sich beim Laien, der ständig mit Pressemeldungen über "bedenkliche Grenzwertüberschreitungen" in der Luft, im Wasser und in der Nahrung konfrontiert wird, der Eindruck verfestigt, unsere Umwelt sei in beängstigendem Maße verseucht. Immer wieder werden Gefahren an die Wand gemalt, die jeder Grundlage entbehren. So brachte kürzlich Bundesumweltminister Klaus Töpfer auf einer Pressekonferenz die hohen Umweltbelastungen in der ehemaligen DDR mit der um zwei Jahre kürzeren statistischen Lebenserwartung bei Männern und sogar um sieben (sic!) Jahre verkürzten Lebenszeit der Frauen in Verbindung. Alleine dieser dramatische, geschlechtsspezifische Unterschied hätte die Pressevertreter stutzig machen müssen. Eine Nachfrage im Umweltbundesministerium ergab: Durch einen Schreibfehler war aus einer Zwei eine Sieben entstanden, einen Beleg für den Zusammenhang zwischen Umweltbelastung und früherem Tod gibt es nicht. Epidemiologen sehen vor allem andere Ernährungs- und Trinkgewohnheiten sowie schlechtere medizinische Versorgung als Ursachen.

Es ist zweifellos richtig, den ökologischen Augiasstall im Osten auszumisten – doch dafür gibt es solidere Argumente als fragwürdige Spekulationen über verkürzte Lebenszeiten. Alleine der Verdacht, etwa zwei bis drei Prozent aller Krebserkrankungen könnten auf Umweltchemikalien zurückgehen (das DDR-Krebsregister weist niedrigere Zahlen aus als die Statistiken der alten BRD), ist mehr als ausreichend, um eine strenge Vorsorge- und Umweltpolitik zu rechtfertigen.