Das gemeinsame Ziel der vier Gelehrten war und ist es, anhand detaillierter physikalisch-chemischer Untersuchungen besser zu verstehen, wie krebserregende Substanzen das Erbgut schädigen. Der heute 69jährige Strahlenkundler Lars Ehrenberg und seine Mitarbeiter an der Universität Stockholm machten dabei eine wichtige Entdeckung: Kanzerogene Stoffe greifen nicht nur das Erbgut (DNA) an, sie attackieren in ähnlicher Weise auch jene Produkte, die nach den DNA-"Bauplänen" im Körper hergestellt werden, nämlich die Eiweiße (Proteine). Ein solches Protein ist der rote Blutfarbstoff Hämoglobin. Weil es jederzeit über eine einfache Blutentnahme leicht zugänglich ist, wurde das Hämoglobin intensiv auf seine Wechselwirkung mit Umweltchemikalien untersucht.

Blutfarbstoff als Modell

Der Blutfarbstoff entwickelte sich so zu einer Art "Modellsubstanz" und erleichterte den Einblick in die Wirkungsweise erbgutschädigender Stoffe erheblich. Ehrenbergs Gruppe konnte zum Beispiel die krebsauslösende Wirkung von Strahlung und Umweltchemikalien in Beziehung zueinander setzen. Die Schweden sagten voraus, daß Arbeiter, die intensiv mit einem früher vielgebrauchten Konservierungs- und Desinfektionsmittel namens Ethylenoxid (Oxiran) in Kontakt kamen, ein erhöhtes Leukämierisiko tragen würden. Knapp drei Jahrzehnte später fand die Prognose die fatale Bestätigung.

Dietrich Henschler (66) und sein acht Jahre jüngerer Kollege Hans-Günter Neumann von der Universität Würzburg beschäftigten sich unter anderem mit der Beziehung zwischen der Dosis chemischer Schadstoffe und ihrer Wirkung im Organismus. Sie zeigten, daß viele krebserregende Stoffe erst dann Schäden an der DNA und am Hämoglobin erzeugen, wenn der Körper versucht, sie abzubauen. Erst die körpereigenen Enzyme schärfen die chemischen "Zeitbomben". Die unheilvollen Spuren an den DNA-Bausteinen lassen sich heute mit sehr großer Präzision feststellen. So gelingt es, unter zehn Milliarden "normalen" Bausteinen einen einzigen nachzuweisen, der chemisch verändert ist. Dies kommt der Aufgabe gleich, aus der gesamten Menschheit ein einziges Individuum zielsicher herauszufinden.

Solch präzise Untersuchungen ermöglichen fundiertere Aussagen darüber, wie groß das Krebsrisiko ist, das mit einem bestimmten Stoff einhergeht. Henschler war es, der auf europäischer Ebene die Forschungsaktivitäten in dieser Richtung bündelte. Werner Lutz, mit 46 Jahren der Jüngste im Quartett, lieferte hier wesentliche Beiträge.

Primus inter pares ist jedoch Dietrich Henschler, der künftig auch als Koordinator für den Einsatz des Preisgeldes in der Forschung verantwortlich ist. Nach dem Wunsch des Stifters sollen die Arbeiten "Aufschluß über die Anteile der wichtigsten Krebsursachen in der modernen Industriegesellschaft geben, um die Bemühungen zur Risikovermeidung auf eine wissenschaftliche Basis zu stellen". Vor allem an einem rationalen Konzept zur Risikovermeidung hapert es in der Politik, wie Henschler aus langer Erfahrung weiß.

Der Würzburger Toxikologe hat nämlich seit vielen Jahren eines der schwierigsten Ämter inne, die seine Zunft zu vergeben hat. Er ist im Auftrag der Deutschen Forschungsgemeinschaft DFG Vorsitzender der Senatskommission zur Prüfung gesundheitsschädlicher Arbeitsstoffe. Diese Kommission veröffentlicht alljährlich die neuesten Maximalen Arbeitsplatzkonzentrationen (MAK-Werte) und biologische Arbeitsstofftoleranzwerte. Sie legt damit fest, welche Mengen eines Schadstoffes maximal am Arbeitsplatz vorkommen dürfen. Die MAK-Werte bilden auch häufig die Grundlage für Entscheidungen, welche Mengen der Allgemeinbevölkerung zugemutet werden dürfen. In der DFG-Kommission sitzen rund vierzig Sachverständige, vorwiegend Toxikologen, Pharmakologen und Arbeitsmediziner, die in langwierigen, teilweise hitzigen Diskussionen Grenzwerte festlegen und Stoffe auf ihr krebserregendes Potential hin beurteilen. Erst kürzlich entfachten Mitglieder der Kommission eine öffentliche Debatte darüber, ob die in der Wärmedämmung von Gebäuden massenweise eingesetzten Mineralfasermatten durch die Emission feiner Stäube beim Menschen Krebs erregen und ähnlich wie Asbest aus dem Wohnbereich zu verbannen seien. Das abschließende Urteil der Kommission steht noch aus.