Die sogenannte MAK-Liste hat weit über die deutschen Grenzen hinaus Bedeutung. In der Laudatio hieß es am vergangenen Freitag, sie stelle "das umfangreichste Programm dieser Art in Europa dar, das auch in der EG normativ gewirkt hat und in wesentlichen Teilen ebenso von den USA übernommen wurde".

Die Vorstellungen, die viele Laien, Politiker und Journalisten von der Krebsgefahr durch Umweltchemikalien hegten, seien häufig falsch und stark übertrieben, moniert Henschler und weiß sich hierin mit seinen Fachkollegen einig. Die oft zu hörende Behauptung, menschliche Krebserkrankungen seien überwiegend umweltbedingt – bis zu 85 Prozent werden genannt –, ist in hohem Maße mißverständlich. Sie trifft nur dann zu, wenn man den sehr unscharf definierten Begriff "Umwelt" so weit ausdehnt, daß man die Ernährungsgewohnheiten, Tabak- und Alkoholabusus, Sexualverhalten und Sonnenbaden als Umweltfaktoren betrachtet (siehe Graphik). Üblicherweise wird mit Umweltbelastung jedoch die industrielle Schadstofffracht in Luft, Wasser und Nahrung identifiziert.

"Den allgemeinen Luft- und Wasserverunreinigungen schreibt man circa zwei Prozent der Krebsfälle zu", sagt Henschler. "Diese Ziffer ist jedoch wenig gut belegt und nur grob abgeschätzt, im Gegensatz beispielsweise zu den Anteilen von 1,5 Prozent für das Sonnenlicht und einem Prozent für Medikamente, die recht genau ermittelt werden können." Schwierig einzuschätzen ist auch der in den Medien viel diskutierte Beitrag von Nahrungsmittelzusätzen und Haushaltschemikalien am Krebsgeschehen. Mit einiger Sicherheit läßt sich jedoch feststellen, daß er unter einem Prozent liegt.

Chaos der Grenzwerte

Doch woher weiß man, daß "zwei Drittel aller in unserer Wohlstandsbevölkerung beobachteten Krebse normaler Nahrung, den heute üblichen Ernährungsgewohnheiten sowie dem Tabakrauchen zuzuschreiben sind", wie Henschler sagt? Warum wirkt die ganz normale Nahrung in einem solch hohen, viele Laien überraschenden Maße krebserregend? "Der tatsächliche Grund ist vorwiegend Überernährung, zum kleineren Teil einseitige Ernährung", betont der Wissenschaftler. "Aus Tierversuchen weiß man, daß schon die unbeschränkte Nahrungszufuhr einhergehend mit starker Fetteinlagerung zu einer drastischen Erhöhung der Spontantumorrate führt." Ausführliche epidemiologische Untersuchungen, vorwiegend in den Vereinigten Staaten, aber auch in China, bestätigen diese Beobachtung für den Menschen. Sobald üppige, fleisch- und fettreiche Nahrung zur Verfügung steht, steigen die Krebsraten. Hinzu kommen eine Vielzahl anderer Faktoren, die erst teilweise identifiziert sind. So weiß man beispielsweise, daß die Hitzebehandlung besonders von Fleischprodukten zur Bildung stark mutagener (erbgutverändernder) und kanzerogener Stoffe führt. Starkes Anbraten, Grillen oder Pökeln sind ebenso beliebte wie gesundheitsgefährdende Methoden der Nahrungszubereitung.

Henschler vertritt die Auffassung, daß die "weitaus meisten Krebsarten vermeidbar sind, zum Teil durch persönliche Verhaltensänderungen". Dazu gehören weniger Fett, Zucker und Fleisch in der Nahrung, weitgehender Verzicht auf Tabak und Alkohol, eine bessere Sexualhygiene, Zurückhaltung beim Sonnenbaden et cetera. Seit Jahren predigen Präventivmediziner und Ernährungswissenschaftler solche Regeln, doch mit sehr mäßigem Erfolg.

Immer wieder zu Mißverständnissen Anlaß gibt auch die gängige Behauptung, die Krebserkrankungen in den Industrieländern nähmen zu. Dies ist zwar richtig, hat jedoch mit Umweltchemikalien sehr wenig zu tun, sondern geht hauptsächlich auf die veränderte Altersstruktur der Bevölkerung zurück. Krebs ist vorwiegend eine Alterskrankheit und gewinnt dementsprechend mit steigender Lebenserwartung an Bedeutung. Sorgfältige Analysen der Krebssterblichkeit in den Vereinigten Staaten zeigen (dort gibt es die weltweit beste Krebsstatistik, die Bundesrepublik ist dagegen ein Entwicklungsland), daß bei Berücksichtigung der veränderten Altersstruktur und der steigenden Zahl der Opfer des Tabakrauchs die altersbereinigte Krebsmortalität sogar leicht am Sinken ist.