Sorge bereitet Henschler und vielen anderen Toxikologen, daß die übertriebene Angst vor Umweltchemikalien oder Strahlenbelastungen etwa im Gefolge von Tschernobyl die öffentliche Aufmerksamkeit und erhebliche finanzielle Mittel von der Bekämpfung unvergleichlich größerer Gefahren ablenke. Er beklagt "das Chaos heutiger Grenzwerte", die zum Teil nach äußerst verschiedenen Kriterien festgelegt werden und deshalb geradezu prädestiniert sind, bei Laien und Politikern eine heillose Verwirrung zu stiften. Henschler weiß aus leidiger Erfahrung, wie Grenzwerte unter politischem Druck zustande kommen. Als häufiges Muster schildert er den folgenden Ablauf: "In den Medien wird ein überraschender Befund über Kontamination von Luft, Boden, Wasser, Nahrungsmitteln oder anderen Umweltsektoren aufgegriffen und zur Erzeugung von öffentlichem Meinungsdruck aufgebaut. Behörden und Politiker begegnen dem Druck mit einer raschen Grenzwertfestsetzung. Damit ist der Dampf abgelassen, die Handlungsfähigkeit der Obrigkeit ausgewiesen und ein Alibi geschaffen."

Oft erweist sich dieses Alibi als teuer und höchst fragwürdig. Denn immer häufiger haben viele sogenannte Grenzwerte mit der Überschreitung einer "Grenze", hinter der jeweils Gesundheitsgefahren drohen, wenig oder gar nichts zu tun. So werden etwa Grenzwerte für die Belastung der Allgemeinluft (MIK-Werte) aus den für den Arbeitsplatz geltenden MAK-Werten gebildet, indem der Wert sicherheitshalber um das Zwanzigfache abgesenkt wird. Warum dieser Abstand und nicht eine zehn-, fünfzig- oder hundertfache Sicherheitsmarge gewählt wurde – dafür gibt es keine stichhaltige wissenschaftliche Begründung. Allgemein existieren auch keine festen Schwellenwerte in der Toxikologie, sondern es lassen sich bestenfalls Bandbreiten ermitteln, innerhalb deren mehr oder weniger empfindliche Individuen auf mehr oder weniger genau meßbare Giftbelastungen reagieren. Vor allem wenn millionstel, milliardstel oder wie beim Dioxin gar billionstel Gramm zu messen sind, treten immer wieder horrende Fehler auf. Doch die Behörden und die Justiz pochen auf feste Grenzwerte, für sie gibt es nur schwarz oder weiß, obwohl realiter Grautöne überwiegen..

Da häufig toxikologische Daten für den Menschen fehlen, müssen Tierversuche zur Beurteilung der Giftigkeit einer Substanz dienen. Sicherheitshalber wird die beim Tier beobachtbare Schwellenbelastung für den Menschen um das Hundert- oder Tausendfache gesenkt. Gänzlich andere Überlegungen gelten wiederum für das Trinkwasser. Hier spielt bei den meisten Verunreinigungen die Gesundheitsgefährdung überhaupt keine Rolle, sondern der "Grenzwert" liegt bei der analytischen Nachweisgrenze, ist also durch die apparative Kunst der Chemiker vorgegeben. Und mit der steht es nicht immer zum besten. Als vor wenigen Monaten bei einem Test etwa ein Dutzend renommierter Labors Wasserproben auf ihren Herbizidgehalt (Atrazin) untersuchen sollten, gab es massive Fehlurteile. Einige diagnostizierten sogar in Reinstwasser eine Überschreitung des Atrazin-Grenzwertes.

Gelegentlich zaubern wiederum Behörden, weil sie politisch unter Druck geraten sind, einfach einen Grenzwert aus dem Hut, "ohne Systemzusammenhang", wie Henschler feststellt. "Mit der Erwähnung der Gesundheitsvorsorge wird dem Laien suggeriert, der Grenzwertansatz orientiere sich an Gesundheitsdaten. Das trifft jedoch nicht zu, der Wertansatz entspringt einem Anflug höherer, jedoch nicht offengelegter Weisheit. Keinesfalls ist ein Bezug zu veröffentlichten oder geschätzten Gesundheitsdaten erkennbar." So wurde beispielsweise bei der behördlichen Festsetzung von "Grenzwerten" für das Reinigungsmittel Perchlorethylen in Nahrungsmitteln und in der Luft verfahren.

Irrige Gefahrenvorstellung

Kein Wunder, wenn sich beim Laien, der ständig mit Pressemeldungen über "bedenkliche Grenzwertüberschreitungen" in der Luft, im Wasser und in der Nahrung konfrontiert wird, der Eindruck verfestigt, unsere Umwelt sei in beängstigendem Maße verseucht. Immer wieder werden Gefahren an die Wand gemalt, die jeder Grundlage entbehren. So brachte kürzlich Bundesumweltminister Klaus Töpfer auf einer Pressekonferenz die hohen Umweltbelastungen in der ehemaligen DDR mit der um zwei Jahre kürzeren statistischen Lebenserwartung bei Männern und sogar um sieben (sic!) Jahre verkürzten Lebenszeit der Frauen in Verbindung. Alleine dieser dramatische, geschlechtsspezifische Unterschied hätte die Pressevertreter stutzig machen müssen. Eine Nachfrage im Umweltbundesministerium ergab: Durch einen Schreibfehler war aus einer Zwei eine Sieben entstanden, einen Beleg für den Zusammenhang zwischen Umweltbelastung und früherem Tod gibt es nicht. Epidemiologen sehen vor allem andere Ernährungs- und Trinkgewohnheiten sowie schlechtere medizinische Versorgung als Ursachen.

Es ist zweifellos richtig, den ökologischen Augiasstall im Osten auszumisten – doch dafür gibt es solidere Argumente als fragwürdige Spekulationen über verkürzte Lebenszeiten. Alleine der Verdacht, etwa zwei bis drei Prozent aller Krebserkrankungen könnten auf Umweltchemikalien zurückgehen (das DDR-Krebsregister weist niedrigere Zahlen aus als die Statistiken der alten BRD), ist mehr als ausreichend, um eine strenge Vorsorge- und Umweltpolitik zu rechtfertigen.