Im Jeep zum Supermarkt

Zwölf Zylinder und sechs Liter Hubraum, fast 1,90 Meter breit und mehr als fünf Meter lang, bringt ein Exemplar zwei Tonnen Stahl, Eisen und Kunststoff auf die Waage. Ein Optimum an stoßfester Verpackung für achtzig Kilogramm Mensch. Das ist schon einen Schuß Superkraftstoff wert: bei nicht zu sportlicher Fahrweise im Stadtzyklus nach Herstellerangaben 21 Liter auf 100 Kilometer.

Bis zum Jahr 2020 wird diese Limousine die Straßen kreuzen. "Konzepterarbeitung und Entwicklung brauchen fünf Jahre, acht Jahre lang läuft die Produktion, 370 Stück pro Tag", erklärt Wolfgang Peter, Leiter der Abteilung Pkw bei Mercedes-Benz und Mitglied des Vorstands, "und dann läuft jeder Wagen noch mindestens fünfzehn Jahre." Damit nimmt der Mercedes-Entwickler für sein Unternehmen den "längsten Planungshorizont der Branche" in Anspruch. Und was danach kommt, weiß er auch schon: "Eine neue S-Klasse."

Solche und mehr Luxuslimousinen zeichnen in dieser Woche in den Hallen der Internationalen Automobil Ausstellung in Frankfurt den Weg ins nächste Jahrtausend. BMW, Audi und Toyota, sie alle wollen aufsteigen in die Klasse der Rolls-Royce. Auch die Kleinen werden stärker und schneller, vor allem aber immer teurer und schwerer. Beim neuen 1200 Kilogramm schweren Sechszylinder-Golf steckt für je acht Kilogramm Auto eine Pferdestärke unter der Haube.

"Mehr an Schönem", heißt für Mercedes-Entwickler Peter die Devise. Der Kunde verlange nach Komfort. Und der wiegt schwer.

Auto-Illustrierte und Life-Style-Magazine heizen den Trend zur Übermotorisierung an. Hausfrauen erledigen ihre Einkäufe inzwischen in Espace- oder Previa-Großraumfähren, und Twens jagen im Sechszylinder-Mazda-Kindersportwagen zur Disco. Langgestreckte, breitreifige Jeeps mit der Ramme vor dem Kühler signalisieren auch im dichtesten Stadtverkehr: Ein richtiger Mann kommt überall durch.

Schade fast, daß die Mobile meistens immobil bleiben. Vierzig Minuten am Tage wird der Privat-Pkw im Schnitt bewegt, 97 Prozent einer Autolebenszeit bleibt der Motor kalt. Das ermittelte das Münchner Institut Sozialdata im Auftrage des Verbandes Deutscher Verkehrsunternehmen. Ein Viertel aller Fahrten sind nach drei, die Hälfte nach fünf Kilometern beendet, nur jede fünfzigste Fahrt führt weiter als hundert Kilometer (siehe Graphik Seite 16). Parkräume werden knapper als Kindergartenplätze und die Autos immer mehr.