Eine Begegnung mit der jugoslawischen Journalistin und Schriftstellerin Slavenka Drakulic wirkt ähnlich stimulierend wie ein Glas Pommery. Sie fliegt ein, natürlich. Auf den großen internationalen Frauenkonferenzen, Athen, Berlin, New York, bei denen sie üblicherweise anzutreffen ist, ist ihr dann immer schon ein Hauch der Erwartung vorausgeweht: Slavenka kommt! Der Auftritt: Man hört sie schimpfen (diese Flugverbindung von Paris!), man hört sie lachen (dieser SchriftstellerWorkshop in Iowa, Dilettanten!), dann sieht man sie: die Lippen knallrot, die Haare verweht, die Garderobe, es ist zu ahnen, wird jeden Tag wieder eine angenehme Überraschung sein. Küßchen links, Küßchen rechts.

Ihre Referate über die Lage der Frau in Osteuropa trägt sie vor mit der Präzision eines Schnellfeuergewehrs. In den Pausen sieht man sie konzentriert mit dem Tonbandgerät bei Interviews. Sie ist ein Profi. Jede Woche eine politische Glosse für die Zagreber Zeitung danas, nebenbei eine Serie für Ms, einen Kommentar für Nation, New York, oder für die ZEIT, dazwischen die Verhandlung in London über den zweiten Roman. Einige Minuten für ein persönliches Gespräch bleiben irgendwie. Wenn sie wieder abfliegt, Küßchen hier und da, ist man schon auch dankbar, dem Sturm entkommen zu sein.

Ihr neuestes Buch, das in der nächsten Woche in Deutschland erscheint, zeigt unerwartet die andere Seite der Slavenka Drakulic. Ein Mädchen in Zagreb, das im Treppenhaus mit Stoffetzen spielt. Die Studentin, die mit Mann und Baby in einem Zimmer haust, bei den Schwiegereltern. Schließlich die Alleinerziehende, die nach der Arbeit den Boden feudelt. Ein Alltag in Armut. Eine Geschichte der Träume und des Trotzes "Wie wir den Kommunismus überstanden und trotzdem lachten" besteht aus einer Sammlung von Erinnerungen und Reportagen, in denen sich das Private und Politische auf einzigartige Weise verschränken.

Das Buch ist entstanden nach einer Reise, die Slavenka Drakulic im Februar 1990 durch die Länder des ehemaligen Ostblocks unternahm. Die Grundlage bilden etwa vierzig Interviews, die sie mit Frauen in Warschau oder Belgrad, in Prag oder Ost Berlin geführt hat. Küchengespräche eigentlich: Wie Zsuzsa in Ungarn Nudelsuppe macht und wir dabei über Männer an sich und unser Leben im besonderen quatschten, könnten sie auch heißen. Es sind intime Einblicke in das Leben von Frauen im Sozialismus: Was sie tun, wenn es keine Tampons gibt (blutige Stoffeinlagen waschen), weshalb in Polen grüner Lidschatten Mode ist (es gibt keinen anderen), warum der Kleiderschrank der Großmutter randvoll ist mit ranzigem Öl, Salz, Keksen und Tee (sie hat Angst vor der Zukunft). Jedes Portrait ist ein kleines Dokument der Solidarität.

Slavenka Drakulic ist Feministin, sie denkt politisch. Keine Episode, die nicht in die historische Analyse münden würde. Wer wissen will, wie es so war, jeden Tag, ganz unten — hier steht es, oft witzig formuliert, in der Abrechnung aber gnadenlos. Susanne Mayer