Als der Spiegel kam, war alles vorbei. Da wußten wir ein für allemal, wer Kevin Costner ist: der "Sympathiebolzen des Jahres" mit den "flottesten Segelohren Hollywoods seit Clark Gable", in der Rolle des "Helden der Handarbeit mit Schwert und Bogen" glänzend, und zwar als "Hotzenplotz für Greenpeace-Freunde".

Bums, fertig, aus. Im Handstreich, im Frontalangriff hat der Spiegel den neuen Costner-Film "Robin Hood – König der Diebe" unrezensierbar gemacht. Sieg! Ermattet sinkt dem Rezensenten der Griffel aus der Hand. Welch ein Meisterwerk der begrifflichen Zupack-Kunst! Welch ein Juwel sprachlichen packagings! Der schamhaft namenlose Spiegel-Autor ist ein Held – ein größerer womöglich als Robin Hood (oder gar Kevin Costner) selber! Kein Held des Freiheitskampfes, kein Held der Filmkunst, nein, ein strahlenderer, ein wichtigerer: Er ist ein Held der kulturverarbeitenden Industrie! Unter seinem Zugriff (und unter seinem Zugriff allein) zittert der Film.

Als todesmutige Speerspitze des gesunden Menschenverstandes läuft der Kulturjournalist der Volksseele nach, indem er ihr wortgewaltig voraussprengt! Von jenem "teuren Zutatenkino" spricht der Spiegel- Held, "das mangels Phantasie mit Schauwerten protzt". Nichts kann ihn stoppen.

Ach. Was bleibt dem Rezensenten, erschlagen von der Gewalt seines Vorgängers? Soll er von Kevin Reynolds’ Film sprechen, der sich mit allerlei Schmalfilm-Effekten schmückt, mit Naheinstellungen, der Fischaugen-Linse und einem hektisch herumstolpernden Kameramann? Soll er von der Moral dieses Filmes handeln, in dem noch ein von den Hunden des Sheriffs auf einen Baum gehetztes Kind beredt seine hochmoralische Wilddieberei rechtfertigt? Oder vom Sheriff selber, der in einem Wutanfall auf Robin Hood den Armen und Waisen die Küchenabfälle streicht und Weihnachten absagt? Und nachher Robin mit dem Schwert seines Vaters ein apartes Grübchen schneidet? Soll er von Sean Connery erzählen, dessen Auftritt die Begleiterin des Rezensenten entgegenfieberte? All das wäre nichts als matte Nachfolgerschaft im Schatten des großen Siegers – des Spiegel. Kein Wort davon! Dem Rezensenten, dem jedes Wort auf der Zunge verfault, bleibt einzig die Tat.

Aber auch das ein totgeborener Gedanke. Schon wieder war jemand vor ihm da (und vor dem Spiegel). Diesmal eine Frau: Christine Kruttschnitt, Co-Autorin eines bewegenden Hintergrundberichts zum Thema "Robin Hood" für den stern! Diese Story berichtet uns zunächst vom Werbeaufwand für den neuen Film, der "so gigantisch" wie der für "Dick Tracy" gewesen sein soll (wer war das noch gleich?). Und führt uns sodann ins "Abenteuermuseum ‚The Tales of Robin Hood‘, in dem man für 50 Pence mit Pfeil und Bogen auf einen Papp-Sheriff schießen darf, danach zum Outlaw gestempelt wird und sich mit Robin Hood in ein künstliches Dickicht schlagen kann". Schon das allein ist erregend. Aber dann fällt unser Blick auf eine noch erregendere Illustration: eine Urkunde, die Christine Kruttschnitt selber zum Outlaw stempelt. Da wird uns klar: Sie hat es getan! Sie hat zu Pfeil und Bogen gegriffen, sie ist mit R. Hood im künstlichen Dickicht verschwunden. Die ganze Berichterstattung über Robin Hood kommt uns inzwischen selbst wie ein künstliches Dickicht vor – aber eins ist klar: Auch Christine Kruttschnitt ist eine Heldin! Eine Heldin des Hintergrundberichts, die furchtlos im Hintergrund ihres eigenen Berichts verschwindet (und aus dem Dickicht das wunderschöne Farb-Fax ihrer Urkunde an die Redaktion in Hamburg funkt)!

Und unser Rezensent? Die Sorge überlagert nun all seine anderen Gefühle. Wo ist Christine Kruttschnitt? Wie mag es ihr im Pappwald mit Robin Hood ergangen sein (und mit welchem)? Frau Kruttschnitt, bitte melden! (Hier beginnt die Hand unseres Berichterstatters zu zittern. Sein Text wird unleserlich und läuft in eine Wellenlinie aus. Nur eine kann ihn von seiner Unruhe heilen – und sie weiß es! Rufen Sie an! Wir warten. Dringend! – Die Red.) Robin Detje