Von Volker Ullrich

War das Ende der DDR bereits in ihrem Anfang vorgezeichnet? Gab es irgendwann im Laufe ihrer vierzigjährigen Geschichte Möglichkeiten, die Weichen anders zu stellen, die Kluft zwischen hehrem Anspruch und trister Wirklichkeit zu schließen? Diese Fragen haben uns beschäftigt, seit der SED-Staat, der sich gern mit dem Euphemismus "realsozialistisch" schmückte, kläglich zusammengebrochen ist.

Eine im rührigen Ostberliner LinksDruck Verlag erschienene Studie kann helfen, uns einer Antwort auf diese Fragen zumindest ein Stück weit näherzubringen. Ihr Autor, der Politologe Helmut Müller-Enbergs, seit 1991 Pressesprecher der Fraktion Bündnis 90 im Landtag Brandenburg, konzentriert sich auf die vielleicht interessanteste Phase der DDR-Geschichte: die "Tauwetterperiode", die nach Stalins Tod im Frühjahr 1953 eingeleitet wurde und die zeitweilig zu einer Abkehr von der stalinistisch-bürokratischen Apparatherrschaft zu führen schien.

Im Mittelpunkt der Untersuchung steht Rudolf Herrnstadt, seinerzeit Chefredakteur des Neuen Deutschland, in dem manche noch heute einen gescheiterten Hoffnungsträger für einen grundlegenden Reformprozeß in der DDR sehen. Mit der Herausgabe des sogenannten "Herrnstadt-Dokuments" – Aufzeichnungen, die der aus ZK und Politbüro Entfernte 1956/57 über die Krise der DDR-Führung im Sommer 1953 niederschrieb (veröffentlicht in der Reihe rororo-aktuell 1990) – hat seine Tochter Nadja Stutz-Herrnstadt dieser Auffassung kräftig Nahrung gegeben.

Müller-Enbergs zeigt indes, daß Herrnstadt für die Rolle eines populären Reformers nicht gerade disponiert war. Denn der Sohn eines angesehenen jüdischen Rechtsanwalts in Gleiwitz, der nach abgebrochenem Jurastudium sich dem Schreiben zuwandte, beim angesehenen liberalen Berliner Tageblatt seine journalistischen Sporen verdiente und 1929 der KPD beitrat, konnte seine Herkunft als bürgerlicher Intellektueller nie ganz verleugnen. Im Kreise der KPD-Altkader mit proletarischem Stallgeruch wirkte er immer etwas wie ein Fremdkörper, was er dadurch zu überspielen suchte, daß er sich den jeweiligen Geboten der Parteidisziplin mit besonderer Strenge unterwarf. Das ließ ihn – wie der Autor nachweist – in den politischen Auseinandersetzungen auch nach der Moskauer Emigration eher zum Hardliner werden.

Unbedingte Loyalität zur Sowjetunion, die Verdammung der abtrünnigen "Tito-Clique", die Umwandlung der SED zu einer "Partei neuen Typus", der Beschluß zum "beschleunigten Aufbau des Sozialismus" in der DDR – all das fand in Herrnstadt einen eifrigen Fürsprecher. Allerdings sorgte er sich mehr als andere führende SED-Funktionäre um die mangelnde Akzeptanz der neuen Staatsordnung und die wachsende Unzufriedenheit der Bevölkerung mit der Einheitspartei.

DerAnstoß zur Veränderung kam jedoch nicht von innen, sondern von außen: Ende Mai 1953 forderte die KPdSU-Führung, beunruhigt über die lawinenartig anschwellende Fluchtbewegung aus der DDR, die SED zur sofortigen Kurskorrektur auf. "In 14 Tagen werden Sie vielleicht schon keinen Staat mehr haben", drohte Wladimir Semjonow, Hoher Kommissar der Sowjetunion in Deutschland, Anfang Juni 1953 den noch zögernden Mitgliedern des Politbüros.