Das falsche Wort“ haben die Autorinnen Melanie Spitta und Katrin Seybold 1987 ihren Film über die „Wiedergutmachung“ für deutsche Sinti genannt. Aber nicht nur „Wiedergutmachung“, selbst „Entschädigung“ erweist sich für NS-verfolgte Sinti und Roma als falsches Wort. Sah doch 1956 der Bundesgerichtshof eine rassistische Verfolgung der „Zigeuner“ erst mit jener Order Himmlers vom Dezember 1942 als erwiesen an, die deren Deportation nach Auschwitz befahl. Die zahlreichen antiziganistischen Erlasse seit 1936 wurden vom Gericht dagegen nach einem stereotypen Feindbild, das die verschiedenen politischen Systeme in Deutschland unbeschadet überlebt hatte, als „polizeiliche Vorbeugungs- und Sicherungsmaßnahmen“ bewertet.

Als dieses Gerichtsurteil 1963 revidiert und diese Revision zwei Jahre darauf gesetzlich bestätigt wurde, waren viele NS-Geschädigte gestorben oder hatten resigniert die Auseinandersetzung mit der Justiz aufgegeben. Ein entscheidendes Defizit der Entschädigungspraxis lag auch nach 1965 darin, daß Entschädigungszahlungen auf andere staatliche Zahlungen wie etwa die Sozialhilfe angerechnet und damit den ehemaligen Verfolgten manches Mal gar nicht ausgezahlt wurden. Ein zweiter gravierender Mangel ist der, daß die Zwangssterilisation, unter der nicht wenige Sinti und Roma zu leiden hatten, bisher nicht als NS-Unrecht anerkannt ist. Schließlich sind überhaupt nur jene Sinti und Roma entschädigungsberechtigt, die die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen.

Die Fristen für Entschädigungsanträge liefen 1969 aus. Und die ehemaligen Beihilfen aus dem 1981 eingerichteten „Härtefonds“ der Bundesregierung für NS-Geschädigte sind an schwer erfüllbare Bedingungen geknüpft und erreichen günstigstenfalls eine Höhe von 5000 Mark.

Das von Romani Rose und Walter Weiss verfaßte Buch „Sinti und Roma im ‚Dritten Reich‘“ bildet in diesem Kontext einen notwendigen Anstoß zur öffentlichen Diskussion dieser Thematik, zumal viele Betroffene im Alter besonders unter den Nachwirkungen der Verfolgung leiden. Die Autoren zeigen, daß und unter welchen Bedingungen Sinti und Roma in den KZs Ravensbrück, Sachsenhausen, Neuengamme, Buchenwald, Dora-Mittelbau, Dachau, Flossenburg, Mauthausen und Natzweiler sowie in den zugehörigen Außenlagern Zwangsarbeit leisten mußten; sie weisen das nicht nur für die SS-eigenen Unternehmen nach, sondern ebenso für die Rüstungsbetriebe solcher Konzerne wie Siemens, Daimler-Benz, AEG, Heinkel, Messerschmitt, BMW, VW, die IG Farben und Steyr-Daimler-Puch. Seit 1986, so das Vorwort des Buches, fordert der Zentralrat deutscher Sinti und Roma deshalb „von einzelnen großen deutschen Industrie-Unternehmen Entschädigungszahlungen für ehemalige Sklavenarbeiter der Sinti und Roma“ – bisher vergebens.

Der Titel läßt eine Gesamtdarstellung der Verfolgungsgeschichte unter dem NS-System erwarten; diese reduziert sich jedoch nicht auf den Sektor der Zwangsarbeit. Der Begriff „Programm der Vernichtung durch Arbeit“ unterstellt zudem eine durchgängige und von langer Hand geplante NS-Strategie gegen Sinti und Roma. Tatsächlich läßt sich wohl eher mit Hans Mommsen von einem Prozeß der „kumulativen Radikalisierung“ sprechen. Romani Rose und Walter Weiss greifen in ihrer Darstellung neben archivalischen Quellen auf eine Umfrage des Zentralrates deutscher Sinti und Roma zur KZ-Sklavenarbeit sowie auf 26 Interviews mit KZ-Häftlingen und Zwangsarbeitern aus der Gruppe der Sinti zurück. Der Erinnerung an ihre Leidenserfahrung haben die Autoren das Buch gewidmet. Michael Zimmermann

  • Romani Rose / Walter Weiss:

Sinti und Roma im „Dritten Reich“