Von Fernost nach Mexiko

Von Rüdiger Dornbusch

Nicht nur die Europäische Gemeinschaft wächst zusammen, sondern auch Nordamerika. In Washington hat Präsident George Bush eine Arbeitsgruppe beauftragt, das geplante Freihandelsabkommen zwischen Kanada, den Vereinigten Staaten und Mexiko vorzubereiten. Die Gewerkschaften und ihre Fürsprecher im Kongreß lehnen aber dieses Vorhaben nach wie vor ab. Im Zusammenschluß zu einer North American Free Trade Association (Nafta) sehen sie eine große Gefahr für die Arbeitnehmer beiderseits des Rio Grande: "Das Inkraftsetzen eines Freihandelsabkommens mit Mexiko wäre für US-Arbeiter und ihre Organisation ein Unglück und brächte für die große Mehrheit der mexikanischen Arbeiter auch nur wenig Erleichterung", erklärte ein führender Gewerkschaftsmann vor einem Komitee des Senats.

Indes: Diese Behauptung ist nicht plausibel. Ein Abkommen über freien Handel wird sich auf die amerikanische wie auf die mexikanische Beschäftigung günstig auswirken. Für die Vereinigten Staaten werden die Vorteile geringer sein, weil Mexiko kein bedeutender Markt ist, auf dem viel zu verdienen wäre. Die Bedenken der Gegner eines Freihandelsabkommens sind unbegründet: Erstens ist Mexiko im Vergleich zu den Vereinigten Staaten eine relativ kleine Volkswirtschaft. Ein starker Zuwachs der mexikanischen Exporte würde dort die Unternehmen fordern; sie müßten ihre Produktivität und die Qualität der Herstellung verbessern, was höhere Löhne nach sich ziehen würde. Denn die niedrigen Lohnkosten in Mexiko widerspiegeln eine niedrige Produktivität und auf manchen Gebieten auch eine schlechte Qualität der angebotenen Güter. In bezug auf die Qualität sind die Amerikaner für die Mexikaner noch immer das, was die Japaner für Amerika sind.

Zweitens haben die Vereinigten Staaten ohnehin schon jetzt eine weitgehend liberalisierte Wirtschaft. Mehr noch: Als Entwicklungsland genießt Mexiko bereits heute einen Sonderstatus.

Viele Branchen der mexikanischen Wirtschaft aber werden nach wie vor gegen ausländische Konkurrenz geschützt. Hier könnten die Amerikaner dank des Freihandelsabkommens ihre Exporte steigern. Das Freihandelsabkommen wird deshalb auch in den Vereinigten Staaten neue, gute Jobs schaffen. Jede zusätzliche Million Dollar im Exportgeschäft bedeutet dreißig neue Arbeitsplätze. Durch den Handel mit Mexiko sind in den vergangenen fünf Jahren bereits 150 000 neue Arbeitsplätze entstanden.

Natürlich ist ein solches Abkommen keine Einbahnstraße. In manchen Industriezweigen (Kleidung, Glas, Autozubehör) werden die Importe in die Vereinigten Staaten steigen und heimische Produzenten vom Markt verdrängen. Wir sollten aber die amerikanischen Arbeiter nicht schützen, indem wir sie in schlecht bezahlten Jobs verharren lassen, sondern indem wir durch Umschulung und Weiterbildung ihre Qualifikationen verbessern. In den Vereinigten Staaten fehlt es an Facharbeitern, nicht an Arbeitsplätzen.

Ein Freihandelsabkommen hätte weitere Vorteile: Die Produktion würde von Asien zurück nach Nordamerika verlagert. Durch das geplante Nafta-Abkommen wird nämlich ausländisches Kapital aus Asien und auch aus Europa angezogen. Die meisten dieser ausländischen Investoren wollen sich eine solide Basis auf dem nordamerikanischen Markt verschaffen.

Von Fernost nach Mexiko

Es ist jetzt eine Tatsache, daß viele Waren aus Thailand, Korea und Japan den amerikanischen Markt überfluten. Die Frage stellt sich, ob es im amerikanischen Interesse ist, daß ein Teil dieser Produkte künftig in Mexiko statt in Asien hergestellt wird. Die Antwort lautet eindeutig: Ja. Koproduktion von amerikanischen und mexikanischen Firmen ist weitaus vorteilhafter, als ganze Produktionsgebiete an Asien oder andere Regionen zu verlieren.

Die Nafta wäre denn auch ein wichtiger Schritt zu einem breiteren Markt im Westen, parallel zum EG-Binnenmarkt. Zudem würden die Vereinigten Staaten von der Stabilisierung der gesamten Region profitieren; es ist damit zu rechnen, daß der Einwanderungsdruck aus dem Süden abnehmen würde.

Europa kann als Beispiel dienen. Die Kernländer der Europäischen Gemeinschaft haben ihr Einzugsgebiet systematisch ausgeweitet, um den Ländern an der Peripherie Prosperität und Stabilität zu verleihen. Der Beitritt von Spanien, Portugal und Griechenland zur EG war ein ähnlicher Schritt wie das Freihandelsabkommen mit Mexiko. Und die Verhandlungen mit den Osteuropäern dienen demselben Zweck. Die Länder in den Randgebieten Europas müssen in den Handel integriert werden, damit dort investiert wird. Ohne Investitionen bleiben die Arbeitnehmer unterbezahlt; daraus resultiert ein enormer Auswanderungsdruck. Westeuropa wird eine Masseneinwanderung fürchten müssen, solange die Handelsbeschränkungen zum Osten nicht abgeschafft werden. Genauso müssen die Vereinigten Staaten ihre Handelsbarrieren abbauen, um einer Masseneinwanderung aus dem Süden zuvorzukommen.

Aufschwung durch Freihandel: Mexiko hat bereits ein Freihandelsabkommen mit Mittelamerika unterzeichnet, denn das Land hat ein ausgeprägtes Interesse an politischer Stabilität und am Wohlergehen in der Nachbarregion. Die Andenstaaten haben ebenfalls ein Freihandelsabkommen unterschrieben. Argentinien, Brasilien und Uruguay haben ohnehin ein Handelsabkommen und möchten Chile einbeziehen. Gegen Ende dieses Jahrhunderts sollten diese verschiedenen Gruppierungen einen riesigen offenen Markt anstreben, zum Nutzen all dieser Länder.

Der wirtschaftliche Zusammenschluß der Länder auf beiden amerikanischen Kontinenten bedroht den Multilateralismus keineswegs. Im Gegenteil, er könnte die erste Stufe für eine Öffnung nach allen Seiten sein.

Die Auffassung, daß regionale Zusammenschlüsse zwangsläufig eine Verschlechterung des Klimas für den Welthandel bedeuten, ist durch die vierzig Jahre Erfahrungen in Europa Lügen gestraft worden. Freilich muß als nächstes die Verbindung zwischen Europa und dem amerikanischen Block vertieft werden.

In Mexiko hat der Boom schon angefangen. Vergangenes Jahr sind Reallöhne und Einkommen gestiegen, Kapital fließt zurück. In Zukunft wird sich dieser Trend verstärken. Die Mexikaner werden sich einiges von den sechzig Milliarden Dollar Fluchtkapital ins Land zurückholen, mexikanische Unternehmen werden ihre Aktien an der New Yorker Börse einführen. Die ausländischen Investoren werden sich überzeugen, daß Mexiko in den neunziger Jahren eine Entwicklung durchmachen wird wie Spanien in den achtzigern.

Von Fernost nach Mexiko

Mexiko hat wegen seiner rigorosen Politik schwere Zeiten durchgemacht. Das reale Pro-Kopf-Einkommen liegt heute immer noch knapp unter dem der siebziger Jahre. Das Land mußte einen hohen Preis zahlen, aber es hat sich gelohnt; das vergangene Jahrzehnt war auf keinen Fall verloren. Mexiko hat einen großen Sprung nach vorne gemacht. Die Öffnung in der Politik hat den Paternalismus und den Nationalismus eingedämmt. Die finanzielle Stabilität ist gesichert. Die Modernisierung der Wirtschaft schreitet in unvorstellbarer Weise voran. Das Mexiko von heute ruft den Neid der Länder hervor, deren Regierungen noch zögern, sich zur Weltwirtschaft hin zu öffnen.

Übersetzung: Evelyn Stöhr