Wer davon überzeugt war, unter einem Kommunismus sowjetischer Prägung nicht leben zu können, verließ die sowjetische Besatzungszone bis 1949, vor Gründung der DDR. Andere richteten sich ein, sei es, weil sie sich vom kommunistischen Antifaschismus angezogen fühlten, sei es, weil sie an Marx und Lenin glaubten, sei es, weil sie die Heimat nicht yerlassen wollten.

Später gab es vor allem unter denen, "die 1949 noch Kinder oder noch gar nicht geboren waren, "Dissidenten" — ähnlich wenige, wie es Anti Nazis gegeben hatte (wir Deutschen sind ein staatstreues Volk), und sie hatten es oft ähnlich schwer zu büßen.

Mehr als neun Zehntel der Bevölkerung hofften: Es muß doch einmal besser werden. Wenn wir wenigstens reisen könnten, nach Hamburg oder München, nach Paris oder gar ans Mittelmeer ! Wer in den Jahren nach 1970 in der DDR war, hörte nichts so oft wie diesen Wunsch, diesen Ausdruck der Sehnsucht nach den Paradiesen im Westen, den weitaus meisten DDR Bewohnern nur in einer Fernsehfassung bekannt. Als am 9. November 1989 die Mauer fiel, war es dieser Drang nach Westen, der sie umgeworfen und den die DDR Regierung zu spät und dann noch immer unzureichend befriedigt hatte. Nachdem die Mauer gefallen war, merkten Millionen, was bis dahin nur ein paar Tausende wußten: Der ganze schöne Westen nützt uns nichts ohne harte Währung. So kam es zu den D Mark Wahlen und danach zum großen Katzenjammer.

Die ökonomischen Statistiken wiesen, auch im Westen, die DDR noch immer als einen der führenden Industriestaaten aus. Wie hätte der Genösse in Gera oder Güstrow merken können, daß das Ganze ein großer Schwindel war, ermöglicht durch eine schonungslose Ausbeutung des Landes und seiner Ressourcen, durch die Hilfsbereitschaft aus schlechtem Gewissen im Westen und durch eine vom Staatssicherheitsdienst rigoros aufrechterhaltene Ordnung? Die Sachsen sind betrogen worden wie die Brandenburger, die Thüringer wie die Mecklenburger, und oft fragt man sich, ob das alles nicht vielleicht nur dadurch möglich war, daß die Betrüger im Politbüro der SED sich nicht nur gegenseitig, sondern sich auch selber betrogen haben.

Das ist die eine Seite. Die andere ist, daß es die heute nur noch abschätzig so genannten "sozialistischen Errungenschaften" ja wirklich gegeben hat. Gewiß: um welchen Preis! Aber es gab sie. Wir können sie vor allem finden im Bereich der Nischen Solidarität in vertrauten Kollektivs, der Alten- und Krankenfürsorge, der Kunst und nicht zuletzt des Theaters.

Das Feierabendheim in Borna bei Leipzig war vorbildlich. Mit beschränkten Mitteln wurde für das Wohlergehen der 160 Alten rührend gesorgt. "Es ist doch schön, wenn man am Ende des Lebens sich keine Sorgen mehr machen muß", sagte mir Emma F. Sie bekam als ehemalige Vorarbeiterin in einem Plaste Betrieb 800 DDR Mark Rente. Für Unterkunft und Verpflegung im Heim bezahlte sie 105 DDR Mark. Für die ihr verbleibenden 695 DDR Mark ging sie mal in ein Cafe (ein Kännchen Schokolade 1 30 Mark), mal kaufte sie, was ihr gefiel, für sich selber oder für ihre Enkel. Sie brauchte nicht zu knausern. Am Ende des Monats blieb immer noch Geld übrig, das sie auf ein Sparbuch einzahlte, "für die Kinder".

Das habe ich so erlebt und erfahren im Jahre 1985. Leiterin des Heimes war Inge K. Die Nachnamen werden hier nicht ausgeschrieben. Es geht nicht um Personen, sondern um Zustände und Verhaltensweisen. Inge K war gelernte Krankenschwester, dann Schwestern Ausbilderin, eine vom Leben in der DDR gehärtete und im schwierigen Umgang mit Behörden erfahrene Frau von vierzig Jahren.