Beim Frühstück las ich es in der Bonner Welt: Der VW-Konzern will seine ehemaligen Zwangsarbeiter nicht entschädigen. Eine Stunde später kommt mit der Post eine Pressemitteilung aus Wolfsburg: "Belegschaftsaktien zu Vorzugsbedingungen" – für die heutigen VW-Arbeiter wird es beim Kauf von VW-Anteilen einen Rabatt von bis zu 500 Mark geben.

Tausende von verschleppten Frauen und Männern mußten in dem 1933 aus geraubten Gewerkschaftsgeldern gegründeten Volkswagenwerk während des Krieges unter mörderischen Bedingungen arbeiten – Hunderte, die dabei zugrunde gingen oder umgebracht wurden, sind neben der Müllkippe des Werks verscharrt. Die Überlebenden haben bis heute vom VW-Konzern weder ihren unterschlagenen Lohn noch eine Entschädigung bekommen.

Bekommen sie jetzt wenigstens auch Vorzugsaktien wie der Rest der heutigen Belegschaft? Das will ich von Ortwin Witzel, dem Pressesprecher des ehemaligen Kriegsmusterbetriebes, wissen.

"Nein", sagt VW-Witzel, bevor ich meinen Satz auch nur zu Ende formuliert habe, "nein, weil das Institut der Belegschaftaktie mal neben anderen Gründen, die auch dagegen sprechen mögen, ein steuerlich relevantes ist und nur für Mitarbeiter im eigenen Unternehmen in Betracht kommt."

Und welche anderen Gründe würden noch dagegen sprechen?

"Man müßte mal darüber nachdenken", sagt er, hat aber sofort einen gewichtigen Grund: "Sie wissen ja, daß der Bochumer Historiker Hans Mommsen bei uns eine Studie erstellt über die Zeit der Zwangsarbeit, die im übrigen im Oktober veröffentlicht wird. Die Frage der Entschädigungszahlung ist in diesem Zusammenhang immer relevant gewesen und immer abschlägig beschieden worden, bisher, so daß ich nicht von vornherein sagen müßte, daß es eine Möglichkeit wäre, wenn es überhaupt rechtlich möglich wäre, verstehen Sie, was ich meine?"

Ich verstehe sehr gut, was er meint, und frage: "Herr Mommsen ist dann sozusagen die Alternative zur Entschädigung?"