Es gibt Fragen, die klingen so simpel, daß man kaum wagt, sie zu stellen. Was zum Beispiel ist "möglichst weit rechts"? Gemeint ist hier nicht die Politik, sondern der Straßenverkehr. Im Paragraphen 2 Absatz 2 der Straßenverkehrsordnung steht als Anweisung für die "Straßenbenutzung durch Fahrzeuge": "Es ist möglichst weit rechts zu fahren "

Nehmen wir folgende Situation: Ein Autofahrer und ein Motorradfahrer begegnen einander in einer Kurve. Der Autofahrer gerät auf die Gegenfahrbahn, es kommt zu einem Unfall, bei dem der Motorradfahrer schwer verletzt wird. Der verlangt nun vom Autofahrer (mittelbar: seiner Versicherung) Schadenersatz: Arzt- und Krankenhauskosten, Schmerzensgeld und auch den Ersatz der Schäden, die sich in Zukunft ergeben könnten, zum Beispiel eine Altersversorgung, falls er wegen des Unfalls berufsunfähig werden sollte. Viel Geld also.

Die Versicherung meint, der Motorradfahrer sei mitschuldig am Unfall und könne deswegen nur eine teilweise Entschädigung seines Schadens verlangen. Wäre er nämlich möglichst weit rechts oder zumindest in der Mitte seiner Fahrbahnhälfte gefahren, hätte er den Unfall vermeiden können. Er sei aber bis auf 65 Zentimeter an die Mittellinie herangefahren und müsse deshalb mindestens ein Drittel des Schadens selbst tragen.

In einer kürzlich veröffentlichten Entscheidung hat sich der Bundesgerichtshof mit diesem Fall befasst und erläutert, was das nun genau heißt: "möglichst weit rechts". Die Antwort: "Der Sicherheitsabstand läßt sich nicht abstrakt, sondern nur nach der konkreten Verkehrssituation beurteilen "

Ein "Idealfahrer" hält einen Abstand von etwa einem Meter rechts von der Mittellinie. Doch können bestimmte Verkehrssituationen es auch rechtfertigen, näher an die Fahrbahnmitte heranzufahren — beim Überholen eines Lastwagens auf einer Landstraße etwa. Dabei hat jeder Fahrer einen "gewissen Beurteilungsfreiraum", solange er sich so weit rechts hält, wie es im konkreten Fall im Straßenverkehr "vernünftig" ist (Aktenzeichen: VI ZR 12489). Im Prinzip gilt, daß auch noch ein Abstand von fünfzig Zentimetern hingenommen werden kann, weil dann zwei sich begegnende Fahrzeuge noch problemlos aneinander vorbeifahren können.

Für unseren Motorradfahrer brachte dieses Urteil die Rettung. Er hatte sich der Mittellinie nur bis auf 65 Zentimeter genähert, einen Mindestabstand von 50 Zentimetern aber eingehalten. Der entgegenkommende Autofahrer hingegen hatte die Mittellinie um 65 Zentimeter überschritten. Der Autofahrer — so sagen die Bundesrichter — hatte deshalb die Richtwerte der Straßenverkehrsordnung "in besonders schwerem Maße verletzt". Der Motorradfahrer bekam also seinen vollen Schadenersatz inklusive einer möglichen späteren Altersversorgung.

Fazit: Zumindest im Straßenverkehr kann "möglichst weit rechts" auch ganz schön weit links sein — besonders dann, wenn dies im konkreten Fall angesichts der Verkehrssituation vernünftig ist. Ein Satz von nahezu philosophischer Tiefe — auch jenseits der Politik.