Von Richard Schröder

Im Rückblick auf den "sozialistischen" Staat der DDR geht es für viele um die Frage, ob damit das Modell "Sozialismus" und also eine "Systemalternative" zum Kapitalismus gescheitert sei. Die Frage ist merkwürdigerweise besonders laut im Westen zu hören. Manche stellen diese Frage besorgt: Worauf sollen wir hoffen, wenn "der Sozialismus" gescheitert ist? Andere stellen sie sogar vorwurfsvoll: Ihr ehemaligen DDR-Bürger habt unsere Hoffnung kaputtgemacht und die wertvollsten europäischen Traditionen gefährdet, indem ihr euch eurer welthistorischen Pflicht, als Alternative zum Kapitalismus endlich einen echten Sozialismus zu entwickeln, entzogen habt und schmählich zur D-Mark übergelaufen seid. Nun gehört ihr auch zu unserem System, das seit 500 Jahren mordet. Das alles sind Zitate.

Es ist schon merkwürdig, daß solche Klagen vor allem aus dem Westen kommen. Diese platonische Liebe zur Systemalternative, die offenbar ihre Pointe geradezu darin hatte, daß es nie ernst werden konnte mit dieser Liebe, weil die Geliebte jenseits war, ich kann sie, ehrlich gesagt, nicht ganz nachvollziehen. War das etwa eine Strategie, das eigene Unbehagen in solcher Höhe zu stationieren, daß man sich die Mühen der Ebene sparen konnte? Merkwürdig ist aber auch, daß im Osten keine breite Diskussion über "den Sozialismus" in Gang gekommen ist, obwohl doch dort diejenigen leben, die den "real existierenden Sozialismus" interpretiert und verteidigt haben, die Lehrer und Hochschullehrer und Funktionäre und Journalisten. Sind sie von einer solchen Diskussion überfordert, oder sind sie durch diesen Zusammenbruch selbst innerlich zusammengebrochen oder von den Enthüllungen schockiert? Oder haben sie einfach genug von der Theoretisiererei und wollen endlich Ruhe haben vor den Doktrinen und einfach leben, viel erleben? All dies ist ja alles auf seine Weise verständlich.

Aber wir können unmöglich die Akte "DDR-Sozialismus" beiseite legen, ohne ein Urteil darüber versucht zu haben, was denn nun verkehrt war. Es kommt eben nicht bloß darauf an zu verändern, sondern zu interpretieren, also zu verstehen, was geschieht. Die berühmte 11. Feuerbachthese von Marx ("Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt aber darauf an, sie zu verändern.") ist nicht der Weisheit letzter Schluß und als Motto einer Universität ziemlich deplaziert.

Die Gefahr ist groß, daß der marxistisch-leninistische Dogmatismus, in dessen gestanzter Sprache kein lebendiges Denken möglich war, nun von einem theorielosen hedonistischen Aktionismus abgelöst wird, der wiederum nichts auf argumentative Verständigung gibt. Das wäre eine fatale Kontinuität im Umbruch.

Das vergangene Jahr hat nicht wenige in der ehemaligen DDR in Resignation gestürzt. "Der einzelne kann ja doch nichts tun", sagen die einen. "Das Neue ist ja doch wie das Alte: Alles kommt von oben", sagen die anderen. Offenbar hat bei vielen der Zusammenbruch des Alten Erwartungen freigesetzt, die ihnen das Neue nicht erfüllt. Es gibt im Osten einen Einigungsschock, der aus enttäuschten und – illusionären Erwartungen stammt. Wir müssen noch einmal besprechen, was war und was verkehrt war.

Verkehrt war bereits der Ansatz, der den Ost-West-Gegensatz als Systemalternative von Kapitalismus und Sozialismus interpretiert hat. Das Denken und Argumentieren mit den -ismen hat ohnehin immer das Mißliche bei sich, daß es komplexe Zusammenhänge auf zu einfache Namen bringt und zugleich dazu verführt, von Strukturzusammenhängen wie von handelnden Personen zu reden. Die fatale Folge muß dann sein, daß die gewaltigen Umwandlungen in Osteuropa mit wunderlichen Fernwirkungen in der ganzen Welt als Niederlage des einen Systems und Sieg des anderen gedeutet werden. Die deutsche Einigung ist dann eine Vereinigung von Siegern und Besiegten, und bedauerlicherweise nehmen manche diese fiktiven Rollen tatsächlich an. In Wahrheit aber ist mit dem Ende des Kalten Krieges eine Konfrontation verschwunden, aus der heraus sich die beiden Seiten gegeneinander definiert hatten, wenn auch mit ungleicher Intensität. Die neue Situation muß bedacht werden. Dies eben kann derjenige nicht sehen, der den Kalten Krieg wie einen Zweikampf zweier Personen deutet, von denen eine auf dem Kampfplatz liegengeblieben ist.