Amerikanische Stromversorger schalten auf ungewöhnliche Strategien um

Von Uwe Leprich

Die amerikanischen Stromversorger sind auf dem besten Wege, die traditionellen Grundregeln erfolgreicher Geschäftspolitik über den Haufen zu werfen: Sie wollen weniger von ihrem Produkt absetzen, um mehr zu verdienen. Was zunächst wie ein Aprilscherz anmutet, ist in Wirklichkeit eine der radikalsten Herausforderungen an unternehmerisches Handeln, mit denen die monopolartig strukturierte Versorgungswirtschaft jemals konfrontiert wurde. "Eine über hundertjährige Tradition steht heute zur Disposition", glaubt David Moskovitz, einer der einflußreichsten Berater im Gewerbe.

Den Anstoß für diesen spektakulären Umdenkungsprozeß in einem nicht gerade für seine Kreativität bekannten Schlüsselbereich der Volkswirtschaft gaben mehrere bundesstaatliche Aufsichtsbehörden, deren Aufgabe es eigentlich ist, die Profite der Energieversorgungsunternehmen (EVU) in angemessenen Grenzen zu halten. Sie testen seit nunmehr drei Jahren unterschiedliche Verfahren, mit denen die Stromproduzenten für Einsparprogramme belohnt werden sollen.

Energiesparen lohnt sich

Least cost planning (LCP) heißt das Konzept, das sich sinngemäß mit "integrierte Bedarfsplanung" übersetzen läßt und in mittlerweile achtzehn amerikanischen Bundesstaaten gesetzlich verankert ist. Ein integrierter Bedarfsplan wägt die Möglichkeiten der Stromerzeugung gegen die vielfältigen technischen Einsparmöglichkeiten ab und gibt beispielsweise Aufschluß darüber, ob der Bau eines neuen Kraftwerks (Megawatt) oder aber dessen Vermeidung durch die breite Einführung verbesserter Nutzungstechniken (Negawatt) volkswirtschaftlich gesehen günstiger ist. Er soll – ginge es nach dem Dachverband der amerikanischen Aufsichtsbehörden – für die Versorgungsunternehmen in Zukunft auch der profitabelste sein.

Das Spektrum der Ansätze, um dieses Ziel zu erreichen, ist groß. So setzen die Aufsichtsbehörden beispielsweise Prämien aus, um die auf Energieeinsparung spezialisierte Unternehmen mit den EVU konkurrieren. Energiesparen wird für die Stromfirmen auch deshalb lohnend, weil die Aufsichtsbehörden es ihnen erlauben, die Preise kräftig anzuheben, wenn sie in Spartechnik investieren. Dadurch verzinsen sich Einsparinvestitionen höher als der Bau neuer Kraftwerke. Den Stromabnehmern schaden die höheren Preise indes nicht: Wegen des verringerten Verbrauchs sinkt ihre Rechnung trotz der höheren Kilowattpreise. Weil es billiger ist, Energie effizient zu nutzen, als Strom zu erzeugen, profitiert überdies die Gesellschaft insgesamt. Wie dieser gesellschaftliche Nutzen aufgeteilt wird, handeln Stromverbraucher und Stromproduzenten untereinander aus.