Von Joachim Jung

WIEN. – Die Forderung Florian Gersters, künftig jeden jungen Mann zu einem Pflichtdienst für die Gesellschaft heranzuziehen, führt in die Irre. "Nahezu jeder junge Mann", schrieb er, "müßte seiner Dienstpflicht gegenüber dem Staat nachkommen." Der von ihm und vielen anderen immer wieder bemühte "Dienst an der Gemeinschaft" ist allerdings nichts weiter als eine sinnleere Floskel, die auch dadurch nicht an Gehalt gewinnt, daß man sie ständig wiederholt.

Ausnahmslos jeder von uns leistet auf die eine oder andere Weise einen Dienst an der Gemeinschaft (wenn er nicht gerade als Einsiedler in Alaska lebt). Daß aber jeder Mann ausgerechnet eine Pflicht zur Tötungsausbildung wahrnehmen soll, ist ein Anspruch, der nicht durch die Vernunft, sondern allein durch Gesetze und Polizeimaßnahmen gedeckt wird.

Die "allgemeine" Wehrpflicht, wie man sie gegenwärtig praktiziert, läuft auf die einseitige Benachteiligung des einen Geschlechts zugunsten des anderen hinaus. Diese Situation erinnert mich stark an das England der Jahrhundertwende. Damals erschien es den herrschenden Herren völlig absurd, den Frauen politische Macht einzuräumen. Aber die Frauenrechtlerinnen ließen sich nicht entmutigen und heizten den Politikern mit Steinwürfen und Bomben ein, bis sie das Wahlrecht hatten.

Heute halten es viele Politiker für absurd, den Männern das Privileg der Frauen zu gewähren, keinen Kriegsdienst leisten zu müssen. Und wie damals in England setzt sich auch heute das benachteiligte Geschlecht zur Wehr, allerdings nicht mit Bomben, Steinen und Transparenten, sondern mit Tricks und Schleichwegen, die um die Wehrpflicht herumführen. Womit sich übrigens auch zeigt, wie wenig die Klischeevorstellungen von den Geschlechtern zutreffen: der aggressive, zur Gewalt neigende, in sein Gewehr verliebte Mann und ihm gegenüber die sanfte, wehrlose, zartbesaitete Frau.

Dieses Klischee ist längst obsolet geworden, aber die Gesetze, die es hervorgebracht hat, bestehen nach wie vor. Die Wehrpflicht ist versteinerter Sexismus aus vergangenen Zeiten. Ich halte es für einen Skandal, wenn heute noch, am Ende des 20. Jahrhunderts, Männer unter Androhung von Gefängnis zu militärischen Diensten gezwungen werden, während Frauen (von Hilfsarbeiten abgesehen) davon verschont bleiben.

Es heißt immer wieder, die Wehrpflicht für Männer sei eine Art von Kompensation für die häuslichen Belastungen der Frau. Ich gestehe, daß ich dieser Argumentation nicht ganz zu folgen vermag. Welches Gesetz schreibt denn Frauen unter Androhung von Haftstrafen vor, Kinder zu kriegen? Welches Gesetz zwingt Frauen zum täglichen Hausputz? Und welches Gesetz schließt Frauen von bestimmten Berufssparten (außer dem der Soldatin) aus?