Stellen Sie sich einmal vor, der Westen wäre in eine ähnlich tiefe Krise geschlittert wie der Osten und dem bundesdeutschen Medizinbetrieb stünde ein ähnlich radikaler Umbruch ins Haus wie jenem in den neuen Bundesländern. Bald hätten auch wir unsere Transplantations- und Sportmedizinskandale, so wie sie sich nun seit Wochen um die Ostberliner Renommierklinik Charite und DDR-Spitzensportler samt Betreuer ranken. Rasch würden wir beispielsweise erfahren, warum manche Westprominente ungewöhnlich schnell ein Herz oder eine Niere verpflanzt bekamen. Oder wie westliche Sportmediziner und Trainer trickreich die Dopingkontrollen unterlaufen halfen, sei es durch rechtzeitiges Absetzen der verbotenen Medikamente vor dem Wettkampf oder durch den Einsatz neuester, (noch) nicht im Athleten nachweisbarer Pharmaka. Sportler als Versuchskaninchen!

Die Vorwürfe, bei Organentnahmen für Transplantationsoperationen seien auch in der DDR gültige gesetzliche Bestimmungen umgangen worden, treffen die Berliner Universitätsklinik zu einem Zeitpunkt, da Gesundheitspolitiker, Ärzte und Schwestern um das Überleben dieser ehrwürdigen Institution in einer Stadt kämpfen, in der sich drei Universitätskrankenhäuser profilieren müssen. Jetzt droht ihre glanzvolle Tradition, die sie ehrgeizigen, aber auch eigenwilligen Pionieren wie Rudolf Virchow, Robert Koch oder Ferdinand Sauerbruch verdanken, im Strudel von Gerüchten und Verdächtigungen unterzugehen. Hoffentlich wird bei der von den Ärzten begonnenen Reinigung aus eigener Kraft nicht das Kind mit dem Bade ausgeschüttet.

Ältere Mediziner können sich daran erinnern, wie es in den Jahren nach 1945 war: Viele alte Nazis unter den Professoren wurden gefeuert, oft bevor noch ihre medizinischen Untaten bekannt wurden. Ähnlich wie früher die Nationalsozialisten die Berufskarrieren von Ärzten und Wissenschaftlern steuerten, so verfuhren die Machthaber im real existierenden Sozialismus. Viele Ärzte, die stolz auf ihre angebliche Politikferne waren, verschrieben sich nicht ungern der Politik zur Förderung ihrer Laufbahn. Daß dies unter dem Einfluß von Ideologien rigoroser gehandhabt wird, ist kein Beleg dafür, daß nicht auch in demokratisch strukturierten Gemeinwesen gelegentlich die unheilvolle Kraft eines hemmungslosen Ehrgeizes am Werke sein kann. Für die Patienten kann es gefährlich werden, wenn politische Vorgaben um buchstäblich jeden Preis erfüllt werden müssen.

Im Dritten Reich haben einige Mediziner in der Charite Anweisung und finanzielle Unterstützung von den ärztlichen Boten Heinrich Himmlers in Empfang genommen. Dann bekam die Staatssicherheit in der Charité und in der von den Machthabern so gehegten Sportmedizin das Sagen. Ehrgeizige Ärzte haben pariert und blindlings alles zur "Erreichung des Höchststandes" getan. In der Sportmedizin wurden sogar junge Mädchen mit anabolen Hormonen traktiert, um Goldmedaillen näher zu kommen. In der Transplantationschirurgie und der Neurologie wurde alles unternommen, um den sogenannten Weststandard zu erreichen, besser noch die westdeutschen Kollegen zu übertrumpfen.

Haben die Mediziner, um das zu erreichen, ihren ärztlichen Eid des "Nil nocere", des Nicht-Schadens, vielleicht verletzt? So einfach, wie die vielen Berichte das heute nahelegen, ist diese Frage nicht zu beantworten. Die Verlegung der bereits vom Tode gezeichneten, künstlich beatmeten Unfallopfer vom nicht leistungsfähigen, mangelhaft ausgerüsteten Kreiskrankenhaus in die Charité, die allein dank ihrer medizinisch-technischen Ausstattung überhaupt in der Lage war, sachgemäß bei Feststellung des Hirntodes Spenderorgane zu explantieren, kann nicht dann als ethisch verwerflich angesehen werden, wenn die Kriterien des Hirntodes peinlich genau eingehalten wurden. Daß dies geschah, scheint durch die Aussage der verantwortlichen Ärztin sicher zu sein.

Und ist dies tatsächlich bei uns im Westen so vollkommen anders? Vor wenigen Jahren wurde eine im Emsland lebende Mutter zur Geburt eines anenzephalen (hirnlosen) Neugeborenen in eine weiter entfernte Universitätsklinik verlegt, damit dort, natürlich mit Einverständnis der Eltern, die gesunden Nieren des Kindes zur Organspende entnommen werden konnten. Oder ein anderes Beispiel: Ist der gelegentlich bei uns praktizierte "selektive Fetozid", also die Tötung eines "überzähligen" Kindes aus einer Mehrlingsschwangerschaft, so anders zu bewerten als einige der jetzt bekanntgewordenen Prozeduren in der (Ost-)Berliner Universitätsklinik?

Die vielen, auf ein ethisch vertretbares Ziel gerichteten aggressiven Behandlungen, die im Erfolgsfall als "Triumph der Medizin" gefeiert werden, hatten hüben wie drüben gelegentlich auch mit Karriereüberlegungen von Ärzten zu tun. Der medizinische Fortschritt, so hart dies klingen mag, kommt ohne Forscherehrgeiz nicht aus.