Als die Regierungschefs der zwölf EG-Staaten vor kaum zwei Jahren das Selbstbestimmungsrecht für alle Deutschen akzeptierten, hörten jenseits der Pyrenäen die Katalanen und Basken sehr aufmerksam zu. "In einem geeigneten Augenblick", so damals das katalanische Regionalparlament in einer rasch gezimmerten Resolution, werde man den Grad der Selbstbestimmung im Einklang mit der Verfassung erhöhen. Und die Basken meldeten sich damals mit der ultimativ klingenden Drohung zu Wort, daß Spaniens Verfassung für den Ausbau der Selbstbestimmung keineswegs geeignet sei. In einer Vier-Punkte-Erklärung, die damals von der bürgerlich-nationalistischen Parlamentsmehrheit angenommen wurde, nahmen sich die Basken sogar das Recht heraus, eines fernen Tages über Ja independéncia", also über die Unabhängigkeit entscheiden zu wollen.

Die vergangenen Wochen haben erneut gezeigt, wie stark der Wind aus dem Osten das schlummernde Nationalgefühl von Katalanen und Basken angefacht hat. Sie sprechen so unbefangen von "eigener Identität", von "nationaler Verwirklichung", von "Autonomie" und "Selbstbestimmung", als habe es in Spanien nie einen geglückten Umbau vom autoritären Zentralstaat zum föderativen Bundesstaat gegeben.

Kataloniens Regionalpräsident Jordi Pujol mischte sich eigenmächtig in die dramatische Lage Jugoslawiens ein, als er im vergangenen Dezember Sloweniens Präsidenten Milan Kučan in Barcelona wie einen Staatsgast empfing und ihm als Marschroute mit auf den Weg gab: "Schlagen Sie gegenüber der Zentralgewalt so viel heraus, wie sie nur können."

Begeisterte Unterstützung finden nicht nur die um ihre Unabhängigkeit kämpfenden Slowenen und Kroaten. Der Katalane Pujol, der soeben erst Boris Jelzin in Moskau seine Aufwartung machte, vergleicht auch den Freiheitskampf der Letten mit dem Unabhängigkeitsstreben seines Landes. "Katalonien ist wie Litauen", so tönt der reiselustige Pujol, "aber Spanien ist nicht die UdSSR." Pujol orientiert sich primär an der eigenen Identität und erst in zweiter Linie am spanischen Gesamtstaat.

Wenn sich die Basken mit den Balten vergleichen, wird ein "Europa der Völker" sichtbar, in dem bald alle ihren Platz finden können. "Wir wollen ein Europa ohne Grenzen, jedoch mit unabhängigen Staaten", formuliert der Sprecher der Izquierda Republicana Kataloniens und zählt auf, wie er sich diese neue europäische Landkarte vorstellt: Flamen und Wallonen in Belgien, Korsen und Bretonen in Frankreich, Irländer und Schotten in Großbritannien, Südtiroler in Italien, Deutsche in Polen und Weißrußland, Ungarn in Rumänien und Jugoslawien und natürlich die drei spanischen Regionen Galizien, das Baskenland und Katalonien.

Wie Landesvater Pujol sieht sich auch die republikanische Linke ermutigt, sich mehr denn je auf die eigene Sprache, auf die angestammte Kultur und Geschichte zu berufen. "Die Nationalismen sind nicht tot und auch nicht aus der Mode gekommen", predigten am vergangenen Sonntag drei katalanische Bischöfe von den Kanzeln; sie forderten kategorisch: "Nur die Katalanen haben über ihre eigene Zukunft zu entscheiden." Prompt stimmten kürzlich die Ratsmitglieder der Küstengemeinde von Palafrugell dafür, nur noch zu Katalonien und nicht mehr zu Spanien zu gehören – eine Abstimmung, die jetzt in 160 Städten und Gemeinden der Provinz wiederholt werden soll.

Spaniens Regierung, die sich auf den Europäischen Binnenmarkt konzentriert, spielt den aufflammenden Nationalismus möglichst geräuschlos herunter. "Ich kenne nur Spaniens Grenzen zu Portugal und Frankreich", erklärte Außenminister Fernández Ordóñez. Er kündigt den widerspenstigen Katalanen und Basken die Konsequenzen ihrer Sezessionsgelüste an: Austritt aus der Nato und aus der EG; denn in Brüssel wehe bekanntlich nur eine einzige, nämlich die spanische Fahne...

Volker Mauersberger