Unter Bierdimpfln, Schickerbrüdern und Suffköppen gilt als unbestritten, daß die Tagräusche die schönsten sind. Im "AltHeidelberger Brauhaus" sitzen am Zwölfertisch vor dem Sudkessel die Delegierten eines Tegernseer Trachtenvereins und bringen am hellichten Tag Volksgut zum Vortrag. Im Refrain enthält das Lied ein Bekenntnis:

Das lassen sich die Amerikaner am Nebentisch übersetzen. Ersichtlich gehören sie ebenfalls jener internationalen Fraktion an, deren Devise weltweit jedem Saufaus geläufig ist: "Berge von unten, Kirchen von außen, Kneipen von innen "

Die Amerikaner begreifen in ihrer Wesensverwandtschaft sofort die Aussage des bayerischen Schnadahüpferls. Bei den Japanern nebenan hapert es hingegen. Sie haben eine Landsmännin mit Dutt und im Dirndl zur Seite, der die deutsche Saufregel beim Studium der Germanistik offenbar nicht vermittelt worden ist. Folglich begreift sie auch die Philosophie nicht. Sie rettet sich mit ihrer gicksenden, gacksenden Schar ein paar Stufen höher in den Nebenraum. Dort ist die Wand von Künstlerhand mit einer deutschen Idylle bedeckt, wie sie jeder Japaner kennt: Bach, Baum, deutscher Wald. Daneben steht geschrieben: "Der Bürgermeister gibt bekannt, daß am Mittwoch Bier gebraut wird und daß deshalb ab Dienstag nicht mehr in den Bach geschissen werden darf " Die zögernde Übersetzung des Japandirndls mit dem Dutt hört sich an wie gezwitschert und löst bei ihren fernöstlichen Zuhörern helles Entzücken aus.

Unterm Sudkessel sind unterdessen die Bestrebungen, nach einem zünftigen Tagrausch zügig vorangegangen. In einer solchen amerikanischen Reisegruppe, berichtet der ortsansässige Rechtsanwalt und Schriftsteller Ernst Hess, ist einmal eine Begründung laut geworden, warum sich Gäste aus Dakota für ein längeres Verweilen im bierigen Heidelberg entschieden und auf den geplanten Trip nach Bayreuth verzichteten: Dort tobten nach ihrer Kenntnis heftige Kämpfe zwischen Christen und Moslems.

So fern der Heimat, mit der Geographie von Dakota im Hinterkopf und den aufsteigenden Kräften des Heidelberger Bieres im oberen Kreislauf, dürfen Bayreuth und Beirut schon einmal verwechselt werden. Ansonsten finden die Amerikaner und Japaner Deutschland genauso vor, wie sie es ja von daheim aus schon kannten, ganz besonders in Heidelberg.

Gibt es was Deutscheres in Deutschland, speziell in Heidelberg, als im "Alten Brauhaus" zu sitzen? Auf Stühlen, die wackeln und knarzen, an Tischen mit Tropfkerzen drauf; überm Windfang Ackergerät, ein Kummet, das Rad von einem Mistkarren, alte Rupfensäcke und ein Riesenrechen Über allem dräuen zwei Sudkessel mit Armaturen und offenem Gestänge; das Kupfer glänzt und gleißt, was es nur kann. Einmal in der Woche gibt es Sud, wenn nicht besondere Festlichkeiten eine Extraschicht verlangen. Das sind dann jeweils vierzig Hektoliter. Ein Tropfen im Ozean des deutschen Bieres. Aber die Japaner und Amerikaner betrachten hingerissen den Vorgang, wie die Deutschen ihr Bier machen. So also sieht das aus, und sie sind Zeuge. Dieses Bild werden sie heimtragen nach Dakota und Nagoya und allen erzählen, die Heidelbergs Romantik nur von ferne kennen.

Lokale wie das "Alt Heidelberger Brauhaus" steuern Touristen überall in dem Glauben an: Das ist Deutschland pur. Ganz Heidelberg, wo es sich alt, bröckelnd und moribund darbietet, mutet seine Besucher romantisch an. Als Platz eben, an dem man sein Herz verlieren oder es zumindest einmal erbibbern lassen könnte. So besehen, haben sich die Franzosen unsterbliche Verdienste erworben, als sie Heidelberg kurz und klein schlugen. Den Schutt und die Ruinen von damals haben bis heute fast alle deutschen Dichter besungen, denen die Gnade der späteren Geburt beschieden war. Da fehlt kein Eichendorff und kein Goethe, auch Joseph Goebbels hat in die Heidelbergbesingung eingestimmt. Hitlers Chefzyniker geriet wie so viele vor ihm über Heidelbergs Bauschutt ins Schwärmerische; auch ihn hatte besagte Romantik gnadenlos am Wickel. So erfüllt sie heute die Erwartungen von jährlich drei Millionen Touristen alle Tage wieder.