Von Heinz Josef Herbort

Darin werden sie sich einig sein: "Ganz kommt man um Wettbewerbe heute nicht herum", sagt Ulrike-Anima Mathe, aber sie schränkt auch ein: "Im Grunde halte ich Wettbewerbe für etwas, das dem Wesen der Musik widerspricht – das kann doch nichts über wirkliche Inhalte aussagen." Gleichviel haben sie alle vom Gewinn solcher Wettbewerbe profitiert.

Neun junge Musiker aus der Mitte der sechziger Jahre: Sie repräsentieren nicht mehr die Garde der Aufmüpfigen, die es auch partout anders machen wollen, sondern haben wieder zurückgefunden zu fast schon für anachronistisch gehaltenen Idealen: Schönheit, Leichtigkeit, Sensibilität, Ausdruck. Sie sagen es offen und mit einer guten Portion Selbstvertrauen heraus, daß sie es durchaus mit den Etablierten aufnehmen wollen: "Da soll der Hörer schon auch die Möglichkeit haben, mich mit anderen Cellisten und anderen Aufnahmen zu vergleichen", meint der Cellist Gustav Rivinius, der immerhin letztes Jahr den Moskauer Tschaikowskij-Wettbewerb gewann, nun sich in einem Standard-Stück seines Instruments, der F-dur-Sonate von Brahms, mit Leonard Rose und Mstislaw Rostropowitsch oder Janos Starker messen lassen muß oder will und dabei nicht schlecht abschneidet – sein Ton ist zwar noch nicht so voluminös wie der von Rose, sein Pathos nicht das von Rostropowitsch, aber die Nuancen sind ebenso schön, ebenso zart, ebenso variabel. Und mit der Rappresentazione-Sonate von Bernd-Alois Zimmermann wagt er sich an ein Stück, das Rose nicht anzufassen riskiert hätte – Rivinius hätte ihn freilich überzeugt, daß und wie sehr die Moderne durchaus auch ein kantables und expressives Cello verlangt und einen intelligenten Musikanten dazu.

Oder Ulrike-Anima Mathé, die in Bartóks zweiter Sonate gegen Gidon Kremer, bei Debussy gegen die gesamte Geiger-Creme anzuspielen hat und dabei keineswegs abgeschlagen ankommt, die sogar in Prokofiews "Melodien" und Schuberts A-dur-Sonate durch einen verträumt-melancholischen Ton eine ungewohnte Farbe in diese Stücke bringen kann. Sie profitiert zweifellos davon, daß mit Bruno Canino ein Pianist ihr assistiert, der gerade die etwas irrationaleren Attitüden, die Grotesken und das Mystische bei Bartók, Debussy und Prokofiew distanziert und doch engagiert zu liefern, vorzubereiten und ihnen auch beim Partner nachzuhelfen versteht.

Das Klavier-Duo Andreas Grau und Götz Schumacher, die bei Debussy ("En blanc et noir") und Ravel ("Rapsodie Espagnol") ständig das Monument der Gebrüder Kontarsky vor sich stehen sehen müssen, was ja durchaus zu Kleinmütigkeit verführen darf, was aber die beiden eher zu einer kontrastierenden Interpretation gebracht hat: Kraft, Freude, Lebensbejahung heißen ihre Vokabeln, und die kühle Motorik ist wieder einer ganz leicht salonhaften, mit einem guten Parfüm angestäubten, gelegentlich durchaus ins Rauschhafte tendierenden Klanglichkeit gewichen.

Die Pianisten Hans-Peter und Volker Stenzl konzentrieren sich noch stärker auf die Zwei-Klaviere-Musik des 20. Jahrhunderts: Britten, Ravel, Strawinsky, Lutoslawski. Gerade die frische, aber niemals vordergründig-effekthascherische Spielweise der Gebrüder vermittelt die Lust, die die beiden bei ihrer "Arbeit" empfinden, macht Appetit auf die Stücke und – auf diese "familiärste" aller Kammermusik-Praktiken selbst.

Ganz klar zu einer virtuosen Romantik, zu einer Empfindungsmalerei, zur Schilderung der kleinen und doch so bedeutsamen Seelendramen und zur Überzeugungskraft der spielend auf dem Klavier mitgeteilten Gefühle bekennt sich offenbar Matthias Kirschnereit. Er kann sich ein "So rasch wie möglich. Schneller. Noch schneller" in Schumanns Sonate op. 22 ebenso brillant leisten, ohne dabei die Farben und die Linien zu verlieren, wie die kleinen Alltagsruppigkeiten und Sentimentalitäten, die wissend-ironischen wie doch auch um Dazugehörigkeit buhlenden Popularismen in den Brahms-Walzern op. 39.