Brief aus Venedig

Alles im Leben läßt sich ertragen, nur nicht eine Reihe von schlechten Filmen. Oder doch? In Venedig jedenfalls, auf der achtundvierzigsten "Internationalen Schau der kinematographischen Kunst" (Originaltitel), geht es allen prächtig, abgesehen von ein paar Filmkritikern; aber auf die kommt es, wenn das Kino sich selber feiern will, sowieso nicht mehr an. Sogar das Fernsehen verbreitet gute Laune: Die aspekte-Redaktion meldet froh nach Hause, der neue Film von Peter Greenaway sei ein Meisterwerk. Das ist good news für alle, die "Prospero’s Books" gesehen haben, diese traurigste aller Shakespeare-Adaptionen, diesen "Sturm" aus schweren Folianten und leichter Komparserie – vielleicht hatten wir nur einen schlechten Tag, als Greenaways Opus lief, und dürfen uns nun auf das Wiedersehen im Oktober freuen. Immerhin hat Greenaway mit "Prospero’s Books" etwas geschafft, wovon die Werbeagenten der Branche träumen: Er hat den gleichen Film in Cannes und Venedig gezeigt, zwanzig Minuten hier, volle zwei Stunden dort – ein Coup, aus dem die Terminplaner der verfeindeten Großfestivals interessante Schlüsse ziehen können. Auch Jacques Rivettes in Cannes ausgezeichnetes Meisterwerk (!) "La Belle Noiseuse" lief als "Überraschungsfilm" noch einmal am Lido – leider nur in der zweistündigen Kurzfassung, die Rivette für das französische Fernsehen zusammenschneiden mußte. Und sonst? Filme von Derek Jarman, Werner Herzog, Manoel de Oliveira, Terry Gilliam, Luc Besson... Meisterwerke? Meisterwerke! Wenn man gute Laune hat.

Nach Galizien!

Welches Galizien meinen Sie denn? – Das ist schon mal ein Fortschritt. Wo unsere vielgereisten Landsleute sonst immer gleich an Andalusien denken. Oder Kastilien. Nein, nicht das spanische – das polnische, das österreichische, russische Galizien ist hier gemeint, das Land dazwischen, daneben, darüber, das Träumerland im Osten, das Land der Beter und Armen, Heimat der Dichter – von Joseph Roth bis Karl Emil Franzos – und Denker – von Sigmund Freud bis Manès Sperber. Galizien, das verschwundene Land, das Vineta im Reich der Geister: Jetzt ist es wieder aufgetaucht, jetzt kann man es wieder bereisen (was davon blieb) – und lesend durchforschen. Der kleine Berliner Verlag Helmut Scherer bringt Buch für Buch die Geschichte und Geographie dieses Landes wieder ans Licht. Ob Franz Kratters "Briefe über den itzigen Zustand von Galizien" aus dem Jahre 1786 oder Samuel Bredetzkys "Reisebemerkungen über Ungarn und Galizien" von 1809 oder Fritz Seefelds "Quellenbuch zur deutschen Ansiedlung in Galizien unter Kaiser Joseph II." von 1935. Es handelt sich "nur" um Reprints (bezahlbare Preise!) – und die Auflagen sind die höchsten nicht. Trotzdem: Wer sich für die Geschichte Mitteleuropas interessiert, sollte sich diese Adresse merken: Helmut Scherer Verlag, Boothstraße 21a, W-1000 Berlin 45. Damit Sie wissen, von welchem Galizien Sie reden.

Letzte Meldung: Pummelchen

Am Donnerstag, dem 5. September, lasen wir auf der Sportseite des Hamburger Abendblattes diese Sätze: "Jennifer Capriatis Vater Stefano, gebürtiger Italiener aus Brindisi, suchte eine Lösung – und fand Tom Gullikson (39), der 1982 selbst im Viertelfinale der US Open stand. Der Amerikaner verordnete dem Teenager mit Babyspeck erst einmal eine Diät. Das Pummelchen schwitzte sieben Kilogramm ab. Die Grundschläge sind noch härter, noch präziser geworden." Ach Pummelchen! dachten wir gerührt und griffen sogleich zur Sportseite der Süddeutschen Zeitung vom selben Tag. Und dort ging dieselbe Geschichte so: "Der neue Trainer Tom Gullikson hilft mit, Jennifer stemmt eifrig Gewichte und hat zehn Pfund zugenommen, ist fünf Zentimeter gewachsen. Schneller Fortschritt auf großen Füßen." Natürlich hat uns der Widerspruch zwischen beiden Meldungen am Donnerstag, dem 5. September, dann nicht mehr ruhen lassen. Und in unerbittlichen Recherchen einerseits, persönlichen Telephonaten mit Stefano Capriati, Tom Gullikson und Pummelchen selber fanden wir dann die erstaunliche Wahrheit heraus: Beide Meldungen sind richtig – was uns bei der bekannten Zuverlässigkeit sowohl des Hamburger Abendblattes als auch der Süddeutschen Zeitung gar nicht verwundert. P.S. Der Verf. dieser Letzten Meldung hat während der Verfertigung derselben siebzehn Pfund zugenommen, ist dabei aber leider keinen Zentimeter gewachsen.