Von Marcel Reich-Ranicki

Es ist eine alte Geschichte: Der Schauspieler, der als Falstaff oder Tartuffe brilliert, träumt insgeheim vom Othello oder Macbeth oder gar vom Hamlet. Keinem Komiker genügen die Triumphe in seinem Fach, jeder möchte auch als Tragöde reüssieren. Bei den Schriftstellern ist es kaum anders: Viele von ihnen wollen sich mit ihrer Domäne nicht zufriedengeben.

Nichts wäre törichter, als jene zu verurteilen, die zu machen versuchen, was sie noch nie gemacht haben. Nicht selten verdanken wir gerade solchen Seitensprüngen oder Grenzüberschreitungen originelle und bedeutende Werke. Aber die Zahl der Fehlschläge ist wohl hier erheblich größer. Thomas Mann, Robert Musil, Alfred Döblin oder Arnold Zweig waren, wie man weiß, geborene Erzähler. Als Dramatiker indes blieben sie so erfolglos wie in der nächsten Generation Böll oder Nossack. Lyriker möchten das Publikum auch mit erzählenden Arbeiten erreichen oder auf der Bühne – doch will es nicht recht gelingen. Man denke an Celan, Eich und Krolow, an Enzensberger oder Rühmkorf. Und die Kritiker, die Essayisten? Wenn sie bisweilen mit einer Novelle aufwarteten oder sich gar an einen Roman heranwagten, ging es beinahe immer schief. Ein Glück ist es, daß manch ein epischer Versuch der Kritiker nie gedruckt wurde.

Hilde Spiel hatte als Erzählerin begonnen. Sie war kaum 21 Jahre alt, als ihr kleiner Roman "Kati auf der Brücke" gern gelesen und sogar mit einem Preis ausgezeichnet wurde. Bald folgte die Erzählung "Verwirrung am Wolfgangsee" (1935) und dann der in Italien spielende Roman "Flöte und Trommeln", der erst 1939 gedruckt werden konnte und zunächst nur in einer englischen Fassung. Liest man diese leichtgewichtigen und auch durchaus unterhaltsamen Bücher heute, dann versteht man sogleich zweierlei auf einmal: Das freundliche Echo, das sie damals hatten, ebenso wie die Tatsache, daß sie den Zweiten Weltkrieg nun doch nicht überleben konnten.

Ihre frühen Erfolge hatten nicht nur mit ihrer schriftstellerischen Leistung zu tun, sondern auch mit ihrer Jugend. Der Lenz, der sang für sie – aber sie weigerte sich hartnäckig, dies zu erkennen, ein Leben lang wollte sie sich mit der Eigenart und mit den Grenzen ihres Talents nicht abfinden. Und je mehr sie als Essayistin und Journalistin geschätzt und gerühmt wurde, desto nachdrücklicher beklagte sie die geringe Beachtung ihrer belletristischen Hervorbringungen. Nicht wenige dieser zum Teil schon erheblich früher entstandenen Bücher wurden in den achtziger Jahren veröffentlicht: Romane, Geschichten und Drehbücher.

Trotz eines, zumindest was den Umfang betrifft, keineswegs kargen belletristischen Werks – es sind ja immerhin acht Buchpublikationen – hörte Hilde Spiel nicht auf, sich in elegischer Stimmung über ihr Schicksal zu beschweren. Dies zielte immer wieder auf die lästige "Tagesarbeit" ab: Sie gönne ihr nicht die Muße, die sie für ihre epischen und dramatischen Vorhaben dringend brauche. An Einfällen mangele es ihr nicht, nur würden sie stets von den laufenden Pflichten erdrückt, sie ertrinke im "Meer der Zeitungswörter".

Tatsächlich war Hilde Spiel davon überzeugt, ungünstige Lebensbedingungen, zumal die Abhängigkeit von der Tagesarbeit, würden es ihr unmöglich machen zu vermitteln, was nur sie vermitteln könne, sie allein. Das hingegen, was sie "erhelle, durchleuchte, kommentiere, kritisiere", das könne auch jeder andere erhellen, durchleuchten, kommentieren und kritisieren. Das Gegenteil trifft zu. Das soll heißen: Ob das, was in ihren Romanen und Geschichten, ihren Drehbüchern und gelegentlichen Gedichten ausgedrückt ist, nur sie mitteilen konnte, braucht gar nicht geklärt zu werden. Denn in allen diesen Arbeiten ist die künstlerische Kraft, die sie zu beglaubigen imstande wäre, nur sehr schwach.