Von Haynes Johnson

WASHINGTON. – Der alte Mythos ist nicht totzukriegen. Er entstand an einem Tag vor 28 Jahren in Dallas, und was seitdem auch geschehen ist – wirkliche oder erfundene Skandale, bewiesene oder unbewiesene Enthüllungen, schwärmerische oder revisionistische Geschichtsschreibung –, er scheint die Amerikaner wie eh und je zu beherrschen. Seine Zählebigkeit ist der bemerkenswerteste Aspekt dieser wahrhaft bemerkenswerten Geschichte.

Ich meine den Mythos Kennedy. Nach logischen Maßstäben hätte sein Niedergang längst einsetzen müssen. Nüchtern betrachtet hätte er das auch verdient; der geheimnisvolle Nimbus war bestenfalls übertrieben, das gerühmte Charisma zu dick aufgetragen, der romantisch-verklärte Camelot-Vergleich absurd.

Und doch hält sich der Mythos hartnäckig – trotz der unerfreulichen Skandalgeschichten, in die die Kennedys verwickelt sind. Einige der Namen, die mit diesen Geschichten in Zusammenhang stehen, sind heute Synonyme für Tragödien: Teddy und Chappaquiddick. Andere Gerüchte, die den Mythos eigentlich schädigen müßten, zielen auf John F. Kennedys Charakter: John, Mafia-Gangster und Mätressen; vom Präsidenten persönlich abgesegnete CIA-Verschwörungen, um Fidel Castro umzubringen; das traurige Ende der einsamen, gequälten und verwundbaren Marilyn Monroe.

Eine endlose Reihe von weiteren Geschichten fügt sich zu einer unaufhörlichen Seifenoper aus dem wirklichen Leben: Unfälle und Alkohol, Drogen und Todesfälle, Selbstmorde und ruinierte Existenzen, Schürzenjägertum und zerstörte Hoffnungen.

Wieviel kann unsere von Skandalen überschwemmte und, so fürchte ich, skandalversessene Gesellschaft noch verkraften, bevor sie schreit: "Aufhören!"?

Offenbar noch eine ganze Menge. Vielleicht wird der jüngste Skandal, der bestürzende Vergewaltigungsvorwurf gegen William Kennedy Smith, den Neffen Teddys, endgültig den Mythos zerstören. Aber ich bezweifle das.