"Wir müssen allein zurechtkommen" – Gespräch mit Christof Ziemer, dem Dresdner Superintendenten

Kürzlich bin ich von meiner ersten Reise in die ehemalige DDR zurückgekehrt. Ein prägendes Erlebnis war das über einstündige Gespräch mit dem Dresdner Superintendenten Christof Ziemer, einer der führenden Persönlichkeiten von 1989. In diesem Gespräch wurden all die anderen Erfahrungen, Begegnungen, Bilder wie in einem Prisma zusammengefaßt; und so möchte ich hieraus die Summe ziehen.

Das Gespräch hat mich tief bewegt, weil es geprägt war von innerer Müdigkeit, Resignation und Lähmung. Die "Wessis" sind wirklich wie eine Flutwelle übers Land gekommen, in altbekannter teutonischer Manier, belehrend, arrogant, Eigentum beanspruchend. Das hat zu geradezu traumatischen Berührungsängsten geführt. Jedes noch so harmlose Wort, jeder noch so gut gemeinte Ratschlag löst Aggressionen aus, weil auf bloßliegende, wunde Nerven treffend.

Der rasche Vereinigungsprozeß, in dem auch kirchlich alles "Westliche" einfach übergestülpt wird, ohne daß danach gefragt wird, ob dies jetzt auch im Osten gut und sinnvoll ist, läßt Christof Ziemer zu dem Urteil kommen: "Dies letzte Jahr ist für uns schlimmer und schwieriger als all die vierzig Jahre zuvor." Beispiel: Religionsunterricht an den Schulen, etwas, das ich immer begrüßt und bejaht habe, weil ich, Pastorin im Westen, hier den häufig einzigen Ort sah, an dem Jugendliche heutzutage noch mit dem Christentum in Kontakt und Auseinandersetzung kommen.

"Drüben" steht man dem äußerst reserviert gegenüber. Grund: Eine Schule, die vierzig Jahre lang (zusammen mit der Nazizeit 53 Jahre) so durch und durch ideologisiert war, darf nach Meinung engagierter Christen auch nicht von ferne wieder in den Geruch neuer Ideologisierung und Indoktrinationen kommen. Da ist ganz großes Fingerspitzengefühl notwendig und eine Sensibilität, die die meisten von uns sehr vermissen lassen.

Das Fazit, das viele drüben ziehen – nicht nur in der Kirche: Wir müssen allein zurechtkommen, ohne eure Einmischung und noch so gut gemeinte Hilfe. Der Hochschulprofessor sagte es so: "Wir haben jetzt Gastdozenten aus dem Westen gehabt zu Vorlesungen und Kolloquien; das war gut und anregend. Aber vom Herbst an wollen wir wieder mit unsern Kräften die Arbeit tun." Und Christof Ziemer, der die totale Überlastung seiner kirchlichen Mitarbeiter beklagte ("Ich müßte jeden einzelnen einmal für ein halbes Jahr herausnehmen und in absolute Stille führen, damit er wieder zu sich selbst findet. Aber wir haben weder einen geeigneten Ort noch die Zeit dazu."), lehnte die angebotene Hilfe einer Mitarbeit drüben ab mit der Begründung: "Wir müssen, wenn überhaupt, allein mit uns zurechtkommen." Er bat mich vielmehr, hier im Westen solidarisch meine Erfahrungen weiterzugeben, Menschen zu sensibilisieren, zu Verständnis und Behutsamkeit anzuregen und statt lautem, kumpelhaften Schulterklopfen für leises, unauffälliges, aber wirksames Miteinander zu werben. Renate Iseke