Fast zwei Jahre lang kannte ich diese beiden Teegläser schon. Immer wenn ihr Platz in der Vitrine sich ein wenig verändert hatte, wußte ich, daß es noch andere Leute gab, die ein Auge darauf geworfen hatten. Eines Tages waren sie mitsamt dem Laden verschwunden. Ich begegnete ihm durch Zufall wieder, und meine Begehrlichkeit zog nun dorthin um – bis ich das Risiko, jemand anders könnte sich in die Teegläser vergucken, nicht mehr ertragen wollte. Ich kaufte sie. Sie waren unverschämt teuer (auch wenn ein, Kenner heute für diese Anmerkung nur ein Kopfschütteln hat: geschenkt!). Seitdem machen sie mich jedesmal, wenn ich daraus trinke und mir nach dem Aufgießen die Hand am Griff verbrenne, glücklich: Was ist schon dieser kleine funktionale Verdruß gegen den ästhetischen Genuß der Augen (vom Tee mal nicht zu reden)! Denn die Gestalt dieser beiden Teegläser stellt gewissermaßen ein Ideal der – so wie Ludwig Mies van der Rohes "Haus Tugendhat" in Brünn oder sein "Haus Farnsworth" in Piano bei Chicago idealische Gestalten sind, Manifeste, die ihren Bewohnern (in Brünn einst gern, in Farnsworth ungern ertragene) Bequemlichkeits-Nachsichten abverlangten. Wunderbarer Schmerz! (Aber für eine geduldige Minute doch nur...)

Schwer zu sagen, wie alt sie sind, ob sie zu den Zeugnissen der "verborgenen Vernunft" gehören, die die Neue Sammlung in München einmal als Beispiele einer vorweggenommenen Moderne aus dem 19. Jahrhundert ausgestellt hat, oder ob sie erst nach dem Ersten Weltkrieg, um 1930 herum, hergestellt worden sind.

Die berühmte Firma der Gebrüder Friedländer jedenfalls war schon 1867 (von Zadek D. Friedländer) gegründet worden und von 1867 an unter dem Namen "Gebr. Friedländer" aufgetreten. In einem Brief vom Urenkel des Gründers, Walter Herz, von 1984 steht dann, daß er Haus und Geschäft, das über hundert Jahre lang Unter den Linden 28 zu Berlin existiert hatte und in seiner Hochblütevor dem Ersten Weltkrieg das größte Juwelierunternehmen Europas gewesen war, 1938 verkauft habe: an Kurt Hermann,der sein Kunde, aber auch ein FreundHermann Görings war und so dem Judendie Emigration nach London ebnen konnte. Von ihm erfuhr Herz 1949, daßdie Russen das (unterdessen DeutscheGoldschmiede-Kunstwerkstätten genannte) Geschäft ausgeraubt hatten.

Die Gebrüder Friedländer waren als Gold- und Silberschmiede eher Traditionslisten. Deshalb kann man annehmen, daß die beiden so sehr modernen Teegläser die Arbeit eines ihrer freien Gestalter sind, mit denen sie nach 1918 zusammenarbeiteten.

Wie auch: Es sind Meisterwerke, Paradebeispiele für die Form, die kein Ornament mehr erträgt, weil ihr eigener ästhetischer Wert unübertrefflich ist und nur beeinträchtigt werden könnte. Es trifft ein Satz Otl Aichers zu: "modernes design ist die sache selbst", es "ist eine kulturmanifestation gegen Verzierung".

Chinesen und Japaner tranken aus Keramik- oder Porzellantassen und -schalen. Vielleicht waren es die Engländer, unsere ersten Teegenießer in Europa, oder die Russen, die dann zum Glase griffen, um den rotgolden funkelnden Tee auch mit den Augen trinken zu können. Heute ist die Auswahl an Teegläsern mäßig: rustikalisierte oder postmodern dekorierte Formen. Es gibt für die beiden Friedländer-Gläser, genauer: die silbernen Fassungen, in denen die Schottgläser aus Jena stecken, nur einen Schönheitskonkurrenten, und das ist die flache Teetasse des Bauhaus-Töpfers Otto Lindig mit ihrer langen Griffschlaufe. Und trotzdem: Die Friedländersche Schöpfung ist einzigartig. Sie ist ein Triumph der Designkunst gegen das geckenhafte "Kunst"-Design unserer Tage. Ihre Eleganz resultiert aus der Einfachheit der Form und der Schönheit des edlen Materials. Es sind die schönsten Teegläser der Welt.