Haben Sie schon einmal unter Reiseenttäuschung gelitten? Da hat man wochenlang Fremdsprachen und Schnorcheln trainiert, nur noch Kulturfilme im Dritten gesehen, kurz, auf alles verzichtet... und dann dieser Absturz! Ein mieses Hotelzimmer, ein herablassender Blick des Schlafwagenschaffners, Gepäckverlust – oft genügen schon ein paar unfrische Meeresfrüchte, damit; aus Urlaub Schlamassel wird. Reiseenttäuschung ist grauenhaft. Doch keine Bange, alles ist, so Boris, im Grunde eine mentale Frage.

Ein unfehlbares Rezept zur Vermeidung von Reiseenttäuschung ist natürlich das Zuhausebleiben. Doch Oblomows Patentlösung: "Tiefe Diwane, man versinkt bis über den Kopf darin, so daß man nicht mehr zu sehen ist", vermag einfach nicht jeder zu folgen. Reiselust ist Triebschicksal.

Jetzt bietet der Insel Verlag mit dem "Lesebuch Daheimbleiben" eine Alternative: die Vorab-Katharsis. Zur Durchführung der Therapie benötigen Sie etwa drei Stunden Lesezeit, in der Gruppe etwas länger. Die schwere Frage "Warum denn in die Ferne?" auf dem Buchdeckel vergessen Sie am besten sofort. Beginnen Sie gleich mit dem ersten Kapitel "Abreise". Stürzen Sie sich in einen längeren Text, und kämpfen Sie sich durch das Chaos eines Tourneestarts in der Inflationszeit ("Vier Millionen dreimalhundertachtunddreißigtausendzweihunderteinundvierzig Kronen" allein fürs Gepäck) samt Ehekrise und Portemonnaie-Verlust von Leo Slezak. Steigern Sie mit einem starken Kafka. An den Kommastellen tief ein- und ausatmen: "Nun aber diesen schönen Gang der Dinge verlassen, frei unter dem großen Himmel zum Bahnhof gehen, die Welt in Aufruhr bringen, wovon man freilich nichts merkt als den Aufruhr im eigenen Innern, das ist schrecklich." Verspüren Sie danach immer noch Aufbruchsangst, lesen Sie vor dem Zubettgehen "Fahrt in die Hölle" von Malcolm Lowry.

Das Kapitel "Modernes Reisen" versorgt sie mit schweren Dosen Pessimismus. Nehmen Sie Stefan Zweig etwas verdünnt: "Immer mehr verdunstet das feine Aroma des Besonderen in den Kulturen, immer rascher blättern die Farben ab, und unter der zersprungenen Firnisschicht wird der stahlfarbene Kolben des mechanischen Betriebes, die moderne Weltmaschine, sichtbar."

Kehren Sie nun zum zweiten Kapitel zurück, und gewöhnen Sie sich an ekelhafte Reisegefährten mit "eingewachsenen Fingernägeln" (Michael Buselmeier) und einem Geruch nach "Odol, Eau de Cologne und Rasierwasser" (Anton Kuh). Nachdem Sie sich wie Herrmann Harry Schmitz in Ventimiglia unter den Unterröcken dreier Russinnen begraben und vier Finger durch einen zuschnappenden Kofferdeckel verloren haben, sind Sie mental ausreichend für Trainingsabschnitt IV, "Unterwegs", gewappnet.

Bereits die Überschriften versprechen reiches Vor-Erleben: "Heulende Derwische", "Harte Eier", "Ein unglücklicher Deutscher", "In der Wüste". Hier begegnen Sie auch zum ersten Mal, auf Seite 145, einer Autorin, was vermutlich damit zu tun hat, daß Frauen zu den Reisevorbereitungen mit Waschen, Bügeln und Packen beitragen, während den Männern mehr das Vorausplanen liegt. Nun zu Ingeborg Bachmanns Elisabeth. Auf dem Gang ihres Londoner Hotels waren lauter "Inder, Philippinen, Neger, einmal war auch ein alter Engländer darunter". Kein Wunder also: "Es war alles stumpfsinnig, es waren alle völlig stumpfsinnig, nichts stimmte."

Aber Italien! Dazu Peter Altenberg: "Meine englische Freundin sagt: ‚Ich habe gewußt, daß es Ihnen viel Spaß machen wird.‘ Aber es macht mir viel Ernst." Die optimale Dehnungsweite Ihrer Enttäuschungsamplitude erbringt ein stetiges Durcharbeiten der "Resümees" großer Reisender. Da denken Sie – die Elegien! – vielleicht, Rilke habe den Aufenthalt in Duino genossen. Nichts da: "Die guten, genereusen Asyle, wie Duino eines war, haben mir nicht weit geholfen; auch kosten diese so besonders gestalteten Umgebungen jedesmal zu viel Anpassung." Sie finden den Dichter ein wenig verwöhnt? Schließen Sie ab mit Raymond Roussel. Der hat wirklich die ganze Welt gesehen. Seine Lebenssumme: "Aus all diesen Reisen habe ich nie etwas für meine Bücher geschöpft."