Gaugshausen

Vielleicht wird er Rindfleisch mögen. Oder Hammel, aber Hammel hat der Metzger nur auf Bestellung. Noch bevor der Russe überhaupt angekommen ist, macht er der Bäuerin Ruth Gräter Kopfzerbrechen. Hier, in Gaugshausen, einem Dorf im schwäbisch-fränkischen Wald, dessen Hauptstraße man in sechs Minuten durchschritten hat. Als Arkadij Kulagin den Hof betritt, wirkt er ein wenig hilflos, fast mißtrauisch. Der Bauer Otto Gräter ist überrascht, als er den jungen Mann so dastehen sieht: blaß, schmächtig, blond. Einen schwarzen Bart, zumindest einen Schnurrbart, hatte er im Gesicht des Russen eigentlich erwartet und auf dem Kopf einen Turban. So hatte er ihn sich vorgestellt, seitdem Frau Stein vom Bauernverband angerufen hat, um den Gräters zu sagen, daß ihr Russe ein Moslem sei.

Privatisierungswillige russische Landwirte sollen in Baden-Württemberg die eigenständige Bewirtschaftung eines bäuerlichen Betriebes lernen. Das haben vor einem Jahr der damalige Ministerpräsident Lothar Späth und sein russischer Kollege Ivan Silajew beschlossen und die Bauernverbände der beiden Länder schließlich ausgetüftelt. Von August bis Februar schnuppern nun die ersten hundert russischen Praktikanten kapitalistische Landluft, danach kommen noch mal hundert. Die Russen sind zwischen 20 und 35 Jahre alt und haben alle eine abgeschlossene landwirtschaftliche Berufsausbildung. Die 400 Mark Taschengeld, die jeder Russe pro Monat erhält, zahlt, wie auch die 2,5 Millionen Mark Gesamtkosten des Projekts, das Land Baden-Württemberg. Beim Landesbauernverband in Stuttgart laufen die Organisationsfäden zusammen: in einem eigens eingerichteten "Praktikantenreferat", das die Hohenheimer Agraringenieurin Birgit Stein leitet.

Verständigungsschwierigkeiten erleichtern die Organisation nicht gerade. Es kommt zu Mißverständnissen. "So hat zum Beispiel", sagt Frau Stein, "einer vergessen, auf seinen Fragebogen zu schreiben, daß er Moslem ist." Und deshalb sei der arme Arkadij Kulagin aus dem asiatischen Astrachan zunächst auf einem reinen Schweinemastbetrieb am Bodensee gelandet. Er habe dann bei ihr angerufen und gefragt, ob er nicht woandershin könne, weil ihm die Schweinemast gar nicht gefalle. Jetzt ist er auf dem Mischbetrieb der Gräters in Gaugshausen. Für Frau Stein ist das Mißverständnis damit ausgeräumt.

Arkadij hat gerade das Grünfutter für die 36 Milchkühe geholt. Er wischt sich die Hände an der blauen Arbeitshose ab, stopft das karierte Hemd in den Bund. Der 23jährige ist sehr höflich und sehr unsicher. Vorsichtshalber sagt er schon mal, was er in seinem zweimonatigem Deutschkurs in Moskau gelernt hat: "In Deutschland alles sehr gut, aber in Heimat ist noch besser." Daß er "Heimweh nach seiner achtzehnjährigen Frau" hat, sagt er auch. Arkadij kommt aus dem Deltagebiet der Wolga, lebt nördlich des Kaspischen Meeres in Astrachan, wo er bis vor kurzem studiert hat. Jetzt ist er "Agronom". Privates Land besitzt er nicht, aber sein Schwiegervater hat neun Hektar, eine Insel im Wolgadelta. Daß sie das Heu in Arkadijs Heimat mit dem Motorboot transportieren, kann sich die schwäbische Bäuerin Ruth Gräter nicht vorstellen.

Arkadij ist stolz darauf, daß der Chef, wie er Otto Gräter nennt, und dessen Frau sich etwas nicht vorstellen können. Sein aknevernarbtes Gesicht wirkt angespannt, als wolle er nicht sagen, was er dann doch sagt, auf russisch und sehr schnell. Er glaubt nämlich, seit er in Gaugshausen ist, daß es überhaupt nichts geben könne, was sich die deutschen Bauern nicht vorstellen könnten. Wo es doch hier sogar jemanden gibt, der für einen kaputten Schlepper ein Ersatzteil hat, und nicht nur das: Er baut es sogar ein, wenn man ihn dafür bezahlt. Und wo es doch hier sogar möglich ist, daß der Bauer das Kraftfutter für die Kühe einkauft und gar nicht darauf angewiesen ist, einen Freund zu haben, der ihm das Futter irgendwie beschafft, und dies nur unter dem Vorbehalt, daß man selbst auch etwas für den Freund tun kann. "Das ist der größte Unterschied zur Landwirtschaft in Rußland", sagt Arkadij. Doch dann fällt ihm noch ein größerer ein: daß der deutsche Bauer morgens selbst entscheidet, was heute getan wird, und ihm kein Direktor sagt, er müsse heute dies und jenes tun.

Der Russe heißt in Gaugshausen jetzt nicht mehr "der Russe", sondern "der Arkadij", jeder kennt ihn, und Ruth Gräter zerbricht sich auch den Kopf nicht mehr über den Speiseplan. Da die Bäuerin eine Frau der Tat ist und vom ersten Tag an wollte, "daß der Arkadij es gut bei uns hat", mußte sie schließlich wissen, ob sie nun das Hammelfleisch bestellen sollte. "Arkadij, du Mohammed?" fragte sie ihn also. "Nein, ich nicht Mohammed, ich Arkadij", sprach der Russe, bekannte sich vor den staunenden Bauern zum orthodoxen Christentum und verspeiste zwei Schweineschnitzel. Nein, sagt er verwundert, er habe auf dem Fragebogen nicht angekreuzt, daß er Moslem sei. Aber auf einem Schweinemastbetrieb schmeckt Arkadij die Landluft eben nicht, weder am Bodensee noch am Kaspischen Meer.

Katja Marx