Von Christoph Bertram

Wie ein ergrauter Pennäler sieht er immer noch aus und ist doch schon die Hälfte seines Lebens in der Politik. Sein jugendhaftes Aussehen – vor zwei Monaten ist Carl Bildt 42 Jahre alt geworden – hat viele lange dazu verleitet, ihn als ehrgeiziges Leichtgewicht einzustufen. "Mich erinnert er immer ein bißchen an Mathias Rust auf dem Roten Platz", gesteht eine Skandinavierin. Nach der Reichstagswahl vom vergangenen Sonntag wird der junge Mann sich seinen Landsleuten wohl demnächst als neuer Ministerpräsident präsentieren.

Carl Bildt bringt für das neue Amt eine Reihe nützlicher Eigenschaften mit. Er ist fleißig, gescheit und außenpolitisch beschlagen. Er hat Witz und kann gut mit den Medien umgehen. Er stammt aus einem dänischen Adelsgeschlecht und einer schwedischen Politiker-Dynastie. Sein Schwiegervater Gösta Bohman war lange Jahre der charismatische Chef der Konservativen, die seit dem Ende der sechziger Jahre als Moderate Sammlungspartei firmieren. Heute ist Bildt deren Vorsitzender und damit der Hauptgewinner der Wahl.

Von Bildes raschem Aufstieg kann niemand überrascht sein, der ihn in den letzten Jahren beobachtet hat. Er galt schon lange als politisches Wunderkind Schwedens. Kein Geringerer als der frühere sozialdemokratische Regierungschef Olof Palme verhalf ihm zu landesweiter Publizität, weil der junge, hoch aufgeschossene Mann mit der flinken Zunge und den stupenden Detailkenntnissen auf den souveränen Machtpolitiker wirkte wie ein rotes Tuch auf einen wachen Stier. Als sich Anfang der achtziger Jahre sowjetische U-Boote in schwedische Gewässer einschlichen und das kleine, neutrale Land aufschreckten, saß Bildt, damals junger Abgeordneter, im U-Boot-Ausschuß des Reichstages und hatte bei einem Besuch in Washington auch Pentagon-Fachleuten von den Befunden berichtet. Palme schnaubte und versuchte, den unbotmäßigen Neuling durch öffentliche Bloßstellung zu disqualifizieren. Der aber ließ sich nicht einschüchtern und focht munter zurück.

Dennoch blieb Bildt lange Zeit umstritten, auch als er 1986 zum Parteivorsitzenden der Moderaten avanciert war. Obgleich nur äußerlich und wohl nie innerlich jung, wirkte er doch auf das Establishment wie die Öffentlichkeit seines Landes allzuoft als Naseweis und Besserwisser. Die Sozialdemokraten, damals noch ihres Machtmonopols sicher, machten sich lustig, wenn Bildt wieder einmal in seiner geschwinden Sprache vor den Fernsehkameras fertige Antworten auf alle möglichen Fragen parat hatte. Noch beim vorletzten Wahlgang 1988 konnten seine Gegner auf Zustimmung zählen, wenn sie in gespielter Besorgnis fragten, ob sich denn irgend jemand Carl Bildt als Regierungschef vorstellen könne.

Inzwischen können es die meisten Schweden durchaus. Gelassen und selbstbewußt stellte sich Bildt, der vor dem Beginn des Wahlkampfes noch ein Buch über Europa verfaßt und eine Segeltour absolviert hatte, den Wählern: "Ich bin nicht Attila, der Hunne." Sie glaubten ihm – und mochten ihn,-vor allem die jungen Wähler. Und so trug er maßgeblich dazu bei, daß die Moderaten ihren Stimmenanteil um fast ein Fünftel auf 21,9 Prozent erhöhen und die "bürgerlichen" Kräfte die Sozialdemokraten in der Regierung Schwedens ablösen können.

Als "historisch" hatte Bildt noch in der Wahlnacht die Niederlage jener Partei bezeichnet, die 53 der letzten 59 Jahre in Schweden die Regierung stellte: "Der Wind des Wandels, der Europa durchfegt, hat endlich auch Schweden erreicht." Ob dieser Wind dort mehr als neue Ungewißheiten zeitigen wird, muß sich allerdings noch zeigen. Denn die Wähler haben zwar den Sozialdemokraten die Verantwortung entzogen, sie haben alle Linksparteien und solche, die in den letzten Jahren mit ihnen zusammenarbeiteten, durch Stimmenentzug gestraft und die Grünen ganz aus dem Reichstag verabschiedet. Aber im Gegensatz zu früheren Wahlen, in denen es immer wieder geringfügige Verschiebungen zwischen dem linken und dem bürgerlichen Lager gab, sind mit der Macht der Sozialdemokraten auch die Lager selbst zerfallen. Die Bürgerlichen im Reichstag bestehen in Wahrheit aus fünf, zum Teil sehr heterogenen Gruppen: den Moderaten (79 Sitze), der Liberalen Volkspartei (34 Sitze), dem bäuerlichen Zentrum (30 Sitze), den sittenstrengen Christdemokraten (27 Sitze) und einem bizarren, jede Koalitionsarithmetik durcheinanderbringenden Neuankömmling in der schwedischen Politik, der Neuen Demokratie (25 Sitze), der Steuern vermeiden, die Alkoholpreise senken und die Bürokraten abschaffen will.