Von Nikolaus Piper

In Kemerowo kann man die Machtstruktur des Kommunismus noch erwandern. Die Hauptstadt des Kusnezker Kohlebeckens (Kusbass) mit ihren knapp 600 000 Einwohnern ist gerade siebzig Jahre alt und wurde während Stalins Zwangsindustrialisierung im strengen Schachbrettmuster angelegt. Eine Querachse, die Straße des Frühlings, endet an einem gut fünfzehn Meter hohen Denkmal für die Helden des Großen Vaterländischen Krieges. Von dort ist die alte Brücke über den Tom-Fluß zu erkennen, die einst deutsche Kriegsgefangene gebaut haben. Weiter flußaufwärts stehen Wohnhäuser der örtlichen Nomenklatura aus den siebziger Jahren.

In Längsrichtung durchschneidet der überbreite Boulevard der Sowjets die Stadt und endet auf dem zentralen Platz der westsibirischen Metropole: rechter Hand die Hauptpost und das örtliche KGB, linker Hand Rathaus, Gewerkschaftshaus und die Gebietsverwaltung des Kusbass. In der Mitte steht ein pathetischer Bronze-Lenin, in dessen Rücken die Machtzentrale, das Gebietskomitee der KPdSU, alles überragt.

Heute, drei Wochen nach dem gescheiterten Putsch in Moskau, ist diese wohldurchdachte Architektur bedeutungslos geworden. An der Eingangstür zum Parteikomitee klebt Boris Jelzins Ukas mit dem De-facto-Verbot der KPdSU, über dem Rathaus und dem Gebietssowjet weht die Trikolore Rußlands. Und darunter hat sich eine neue Machtstruktur etabliert. Mit dem Sieg der Demokraten in Moskau gelangte hier eine kleine Gruppe junger Politiker, hervorgegangen aus der legendären Streikbewegung vom Juli 1989, an die Schalthebel der Macht und beginnt nun, im Kusbass den Kapitalismus einzuführen.

Einer der neuen Leute ist Wjatscheslaw Golikow, der Vorsitzende des Kusbass-Arbeiterrates. Den Rat bilden zur Zeit zehn Betriebskomitees aus dem ganzen Kohlerevier, sie sind der Kern der neuen unabhängigen Gewerkschaften Sibiriens. Die Arbeiter hatten sich 1989 und 1990 zum Teil exorbitante Lohnsteigerungen erstreikt. Ein Kumpel kann heute zwischen 1000 und 2500 Rubel verdienen – verglichen mit 300 Rubeln, die eine Hochschuldozentin bekommt. Letzteres entspricht zwölf Mark, wenn man den freien Rubelkurs zugrunde legt.

Nach dem Untergang des alten Feindes muß die streikgewohnte Arbeiterbewegung nun eine neue Strategie entwickeln. Golikow sagt: "Wir versuchen den Arbeitern zu erklären, daß Lohnerhöhungen nur kurzfristige Erfolge bedeuten. Ohne Privatisierung nützen sie auf Dauer gar nichts." Also ist die Werbung für den Verkauf der Kohlegruben an die sibirische Bevölkerung – neben der Ausbildung von Funktionären – das wichtigste Vorhaben der neuen Gewerkschaft für die nahe Zukunft. Berater hat das Arbeiterkomitee bei britischen und amerikanischen Gewerkschaften gefunden; der Kontakt zu den deutschen Kollegen bewege sich noch "auf der Bekanntschaftsebene", da der DGB bisher vor allem die Verbindung zu den offiziellen Gewerkschaften gesucht hätte. Aber dies werde sich jetzt wohl ändern, hofft Golikow.

Der entscheidende Mann in Kemerowo ist Michail Kisljuk. Der vierzigjährige Buchhalter war ursprünglich Vizedirektor der Zechenverwaltung seiner Heimatstadt. Im Juli 1989 stellte er sich sofort auf die Seite der streikenden Kumpel und wurde einer ihrer Anführer. Danach brachte er es bis zum stellvertretenden Vorsitzenden der Gebietsverwaltung. Dann kam der Putsch und Kisljuks damaliger Chef, der Gebietsvorsitzende Aman Tulejew, diskreditierte sich durch eine Rede im lokalen Fernsehen, mit der er seine Loyalität zu Jelzin und zu den Putschisten gleichzeitig zeigen wollte. Das Kalkül ging nicht auf; Ende August setzte Jelzin Kisljuk als "Verwalter" des Kusbass ein und stellte ihm seinen Sonderbeauftragten Anatolij Malichin zur Seite, einen Schreiner aus der Region, der in den kritischen Putschtagen auf den Barrikaden um Moskaus "Weißes Haus" gestanden hatte.