ZDF, mittwochs: "Kennzeichen D"

Zwanzig Jahre ist es nun alt, das Berliner Magazin Kennzeichen D. Es kam auf in der Zeit der deutschdeutschen Entspannung, sein "D" stand für "Dialog" und "Dolmetscher". In den siebziger, erst recht in den achtziger Jahren, als der Westen allmählich begann, das Land jenseits der Mauer abzuschreiben, brachte Kennzeichen D immer wieder Kunde von drüben und kritische Vergleiche. Ost und West wurden ineinander gespiegelt – um den Gedanken wachzuhalten, daß die deutschen Teilstaaten trotz aller "System"-Verschiedenheit weiterhin miteinander zu tun hatten. Eine beachtliche Einschaltquote von durchschnittlich zwölf Prozent bewies, daß die westliche Fernsehgemeinde ganz so unbekümmert um nationale Gewissensfragen doch nicht war. Und im Osten hatte Kennzeichen D einen Ruf bei Volk und Funktionären. Die Sendung "war der Sonderzug, der durch die Mauer fuhr, als sie noch stand" (Udo Lindenberg).

Mentor und Moderator des Magazins war bis 1982 Hanns Werner Schwarze, Urtyp jener raren journalistischen Persönlichkeiten, die Eigensinn und Liberalität zusammenspannen. HWS starb in der Woche vor dem Jubiläum seines Kennzeichens. Joachim Jauer, derzeitiger Redaktionschef und seinem Vorgänger nicht unähnlich in der grämlichen Ironie und dem wegwerfend-pointierten Gestus des Kommentars, erinnerte dezent an den Verlust. Soll etwa mit seinem Erfinder das Magazin selbst abtreten, hat es noch was zu melden nach der Wiedervereinigung? Die Spezialität von HWS, Dirk Sager und Joachim Jauer, "Deutsches aus Ost und West", ist ja mittlerweile journalistisches Tages- und Allerweltsgeschäft geworden, es erobert Programme, die bislang hinter unverfänglichen Firmenschildern wie "Mode" oder "Gesundheit" den Ost-West-Konflikt ignorieren durften. Alle Redaktionen haben gewissermaßen ein Kennzeichen D verpaßt bekommen, und so erscheint es fraglich, ob ein Magazin, das eigens diesem "D" wie Dialog verpflichtet ist, noch nottut.

Ein rhetorischer Zweifel. Denn weder mag der Fernsehnutzer den kühl-spöttelnden Stil seines Kennzeichens missen, noch sind ja die deutsch-deutschen Themen, vom harten Konflikt bis zum soften Kuriosum, weniger geworden. Wir brauchten noch weitere Kennzeichen oder ausgiebigere Sendezeit – anstatt, wie man läuten hört, eine Verkürzung um circa sieben Minuten! Wer zu früh aufhört, liebe Programmreformer, den bestraft das Leben. Nirgendwo passiert derzeit soviel Berichtenswertes wie im Osten.

Was das letzte Kennzeichen in gewohnter Prägnanz bewies. Die Umfrage zum innerdeutschen Klassenkampf ergab, daß jeder fünfte Deutsche die Mauer zurückwünscht, der Beitrag über das Elend mit den Blockparteien den Vorschlag, daß alle CDU/Ost-Amtsträger geschlossen ins zweite Glied zurücktreten sollten und die Reportage über Ungarn eine bedauerliche Zurückhaltung deutscher Weinkäufer beim Tokaier. Wie soll es weitergehen mit der Annäherung und dem Austausch zwischen "uns" und "denen da drüben" ohne einen so erfahrenen, ausgefuchsten und eleganten TV-Diplomaten wie Kennzeichen D? "Wir haben die deutsche Einheit nicht kommen sehen", bekannte Jauer, "aber wir haben sie ein Stück dahin begleitet." Da ja nun, wie selbst der Kanzler einsieht, "die innere Einheit der Menschen" aussteht, wird das bewährte Magazin weiterhin dringend gebraucht.

Barbara Sichtermann