Von Rebekka Habermas

Im Jahr 1937 erschien in der französischen Zeitschrift Annales ein ungewöhnlicher Essay über die Hintergründe des Nationalsozialismus. Statt gängige marxistische oder liberale Erklärungsansätze zu bemühen, nimmt die Autorin Lebensläufe von NSDAP-Anhängern zur Hand und beginnt, in ihnen zu blättern: Geschildert wird der Werdegang eines Ingenieurs, der, aufgewachsen im deutschnationalen Milieu, an das Gute im Kapitalismus glaubt, plötzlich arbeitslos wird und per Zufall in eine Versammlung der Braunhemden gerät. „Unser Mann tritt durch die Tür und ist ergriffen. Hier wird der Schuldige benannt ...unser Mann ist erleichtert, befreit und erobert.“

Eine andere Quelle berichtet von einem heimgekehrten Soldaten, der im bürgerlichen Leben nicht mehr zurechtkommt und auf ganz ähnliche Weise zu den Nationalsozialisten stößt. Deklassiert oder vom Abstieg bedroht – so folgert die Autorin mit Behutsamkeit und geschultem Blick für das scheinbar Nebensächliche –, werden diese Männer weniger durch die ökonomische Lage in die Arme Hitlers getrieben, als durch den Verlust der „sozialen Ehre“, die Angst, den angestammten Platz zu verlieren.

Ein Jahr zuvor war ein anderer Beitrag derselben Autorin publiziert worden. Wieder werden die Hintergründe des Faschismus beleuchtet, und wieder erinnern Methode und Darstellungsform eher an ethnologische Feldforschungen als an zeitgeschichtliche Analysen. Untersucht wird ein Tal im Vorarlberg, das durch den seit Kriegsende einsetzenden Touristenstrom unvorbereitet und fast gewaltsam mit den Errungenschaften des Fortschritts konfrontiert wurde: Magische, vom Pfarrer bei Vieherkrankungen vorgenommene Heilrituale werden durch die mit kenntnisreicher Miene vorgetragenen medizinischen Rezepturen der Sommerfrischler in Frage gestellt; alteingesessene und angesehene Bauern fühlen sich von aufstrebenden Gastwirten in die Enge getrieben; junge Männer wenden sich den auswärtigen Kellnerinnen zu, und die Dorfschönen vertauschen das Dirndl mit schmucken Stadtkleidern. Am Vorabend der Machtergreifung sehen viele das jahrhundertealte Gefüge des Dorfes zerbrechen und beäugen den Fortschritt mit einer Mischung aus Furcht und Euphorie. Beunruhigt sind vor allem die Männer, für die es kein Zurück mehr gibt: der Gasthofbesitzer, der Kleinhändler und die Dorfintellektuellen. Und es werden just jene zwischen den Welten Lebende sein, die sich als erste dem Nationalsozialismus anschließen.

Nachzulesen sind diese Studien wie andere Essays über mittelalterliche Häretiker und neuzeitliche Hexen in dem soeben von Peter Schöttler herausgegebenen und mit einer langen Einleitung versehenen Band „Zeitenwende“. Dort erfahren wir auch, daß die Autorin, die die seit Jahren zu beobachtende Annäherung von Geschichtswissenschaft und Ethnologie vorweggenommen hat, eine junge, gänzlich in Vergessenheit geratene Historikerin war: Lucie Varga.

1904 unweit von Wien geboren, promovierte die aus großbürgerlichem jüdischen Haus stammende Lucie Varga 1931 in mittelalterlicher Geschichte. 1933 ging sie zusammen mit ihrem zweiten Ehemann Franz Borkenau und der kleinen Tochter nach Paris, wo sie alsbald schon Kontakt zu Lucien Febvre, dem Mitbegründer und -herausgeber der legendären Zeitschrift Annales, fand. Febvre engagierte die junge Frau zunächst als Hilfskraft, später als Assistentin. Obschon sich Febvre über die Historikerin Varga eher herablassend äußerte – so schrieb er an Marc Bloch, daß sie „von schwachem Geist“ und ohne Methode und strenge Kritik „instinktiv auf die großen Ideen zusteuere, die simpel sind und ins Auge springen“ –, scheint er sich schon bald in sie verliebt zu haben, was schließlich, da Febvre verheiratet war und die Annehmlichkeiten des bürgerlichen Familienlebens durchaus zu schätzen wußte, zur Trennung von der jungen Historikerin führte. Mit Lucien Febvre verlor die jüdische Emigrantin nicht nur einen Freund und Lehrer, verlustig ging sie auch ihrer Arbeit. Wenig später, nachdem sie sich als Fabrikarbeiterin, Handelsvertreterin und Nachhilfelehrerin den Lebensunterhalt für sich und ihre Tochter mehr schlecht als recht hatte sichern können, starb sie mit 36 Jahren an Diabetis.

Sie hinterließ eine Tochter und einige wenige Aufsätze, deren Veröffentlichung heute, fünfzig Jahre nach ihrem Tod, sicher ein großes Verdienst ist, obschon der Herausgeber mehr von dem behutsamen ethnologischen Blick der Lucie Varga hätte lernen können. Nachzulesen ist nicht nur das Leben einer beeindruckenden Frau: Eine Historikerin, die in einem fast berückend schlichtem Stil das Innenleben vergangener Lebenswelten eindrücklich zu schildern und scharfsinnig zu analysieren wußte, ist zu entdecken.