Das Frauenbild der Großväter auf alten Ansichtskarten

Objekt der Begierde, Emanze, Xanthippe? "Das Bild der Frau auf frühen Ansichtskarten (1895–1940)", so lautet der Titel der Ausstellung in der Darmstädter Galerie "Ambiente" (bis zum 21. September). Die Frage dürfte genug Neugier wecken. 160 Exponate stellte der Leihgeber Peter Müller aus dem Schatz seiner 20 000 Karten zusammen. Wer Ansichtskarten sammelt, hält bildlich dargestellte Sozialgeschichte in der Hand. Städte und Dörfer ändern ihr Gesicht, die Ansichtskarte hält es unverändert fest. Zeitbezogen und in bedrückender Weise zeitlos ist auch das Bild der Frau auf den Karten dieser Sammlung. Ausnahmslos wird die weibliche Gestalt aus der Sicht des Mannes dargestellt.

Männerphantasie kennt offensichtlich nur drei Frauentypen: Die verlockende Frau, Hexe, Sirene, die dem männlichen Unschuldsengel das Mark aus den Knochen saugen und das Geld aus dem Beutel zaubern wird; die Xanthippe, die mit ewigen Zänkereien das Leben vergällt und vor Körperverletzung mittels Bügeleisen und Nudelholz nicht zurückschreckt. Das gefährlichste Ungeheuer aber ist die emanzipierte Frau, sie macht dem Mann nicht nur Privilegien streitig, sondern bemächtigt sich auch seines urmännlichsten Kleidungsstücks und trägt die Hose in aller Öffentlichkeit. Die Reaktion der Besucher auf dieses Frauenbild reicht von konsterniert bis belustigt, von hämisch bis schadenfroh.

Und ewig lockt das Weib – da fällt die Karte "10 Gebote für Jungfrauen" ins Auge, eine perfekte Anleitung für den Männerfang um 1890; wie groß muß die Angst um den Verlust der Herrschaft gewesen sein. Oder die vor dem schnellen Verfall der Ware: Eine Karte zeigt eine grüne Wiese mit Pflaumenbäumen, dazu einen Mann. Nachdenklich betrachtet er zwei pralle blaue Früchte. Die eine Frucht lacht mit jungem Frauengesicht, die andere mit gealtertem. Der Vers dazu ist als Gassenhauerlied bekannt: "An einem Baume, da hängt ’ne Pflaume, die möcht’ ich gerne hab’n..."

Gemessen an der Menge müssen sich Kartenmotive mit emanzipierten Frauen höchsten Kaufanreizes erfreut haben. Visionär auch eine Karte von etwa 1900, "Träume der Frau’n von der Zukunftsehe": Der geschirrspülende Hausmann ist hier und da Wirklichkeit geworden.

Zum Schluß noch ein Neujahrsglückwunsch. Satan kniet vor einer Frau, die in Königinpose bei einem lodernden Kaminfeuer thront: "Daß du die reine Botschaft bist, vom Kopf bis zu den Zehen, muß selbst der rote Höllenfürst, der Teufel eingestehen." Ein teuflisches Wunder, daß diese Karte nicht umgehend verfeuert wurde, sondern überleben durfte.

Esther Knorr-Anders