Region der Widersprüche: In der verseuchten Natur gedeihen Orchideen – trotz drohender Massenarbeitslosigkeit keimen neue Hoffnungen

Von Fritz Vorholz

Es sticht in der Nase: Chemie. Oder nicht? Der Nachtportier hat eine andere Erklärung. Die vielen Mücken. Man könnne ja kaum schlafen. Er sei den Quälgeistern deshalb mit Insektenspray zu Leibe gerückt, sagt er unbekümmert. Dann im Zimmer des Hotels – eine Gasmaske. "Für den Fall einer Havarie an der westlich vom Gästehaus verlaufenden Chlorleitung" ermögliche sie "eine relativ gefahrlose Flucht", steht auf der Bedienungsanleitung. Bitterfeld, im Sommer 1991.

Bitterfeld – der Name steht für eine Katastrophe. "Du wunderst dich über jeden Baum, der nicht eingegangen ist", schrieb 1981 die Schriftstellerin Monika Maron in ihrem Roman "Flugasche". Wissenschaftler des Berliner Instituts für Ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) charakterisierten neun Jahre später die Region Bitterfeld als den "vermutlich am stärksten umweltbelasteten Raum in Europa". Nun prophezeien kühle Unternehmensberater, daß die Marktwirtschaft die geschundene Region "hart treffen" werde.

Bitterfeld – wie in einem Brennglas konzentriert sich in der 30 OOO-Einwohner-Kreisstadt im Süden Sachsen-Anhalts das ganze Desaster des DDR-Erbes: Erst die Umweltkatastrophe, hervorgerufen durch eine jahrzehntelange, rücksichtslose Chemieproduktion, jetzt die menschliche Tragödie durch offenbar unausweichliche Massenarbeitslosigkeit. Ist Bitterfeld verloren? Die Wirklichkeit ist komplizierter: In Bitterfeld vergingen sich die DDR-Planer besonders eklatant an Natur und menschlicher Gesundheit; doch Bitterfeld ist nicht die Stadt der Krüppel und der toten Natur. Schon heute werden die meisten Arbeitskräfte aus der total veralteten Fabrik nicht mehr gebraucht; doch in Bitterfeld gibt es derzeit nur halb so viele Arbeitslose wie im Durchschnitt der ehemaligen DDR. Das Bitterfelder Problem ist, wie es weitergehen soll: Kopieren der West-Chemie, die zunehmend umstritten ist? Oder den Zwang zum Neuanfang nutzen, um die Fehler des Westens zu vermeiden? Darüber redet in Bitterfeld kaum jemand. Vordringlich ist das kurzfristige Überleben. Jeder denkt an morgen, kaum einer an übermorgen.

In zwei Jahren, 1993, würde die Chemiefabrik ihr hundertjähriges Bestehen feiern. Doch niemand weiß, ob von den verrotteten Rohrleitungen, Kesseln und Reaktoren dann überhaupt noch etwas gebraucht wird. Wie ein Hohn klingt das Firmenlogo des gigantischen Chemiekomplexes, der das Leben der Bitterfelder Menschen seit Jahrzehnten prägt: "Der Zukunft verpflichtet."

Der beruhigende Spruch steht auf einer Plakatwand gegenüber dem dunkelgrauen Verwaltungskasten, in dem Karl-Hugo Strauß sein Büro hat. Strauß arbeitet schon seit mehr als dreißig Jahren für das Chemiekombinat, das jetzt Chemie AG Bitterfeld-Wolfen heißt. Früher war der Betrieb volkseigen, jetzt gehört er der Berliner Treuhandanstalt. Seit der Wende in der ehemaligen DDR sitzt Strauß im Vorstand des Unternehmens. Auch vorher schon hatte er eine leitende Position.