ZDF, Samstag, 28. September, 0.30 Uhr: "Traum ohne Ende"

Eine fremde Gegend, fremde Menschen und die Entdeckung plötzlich: Dieses Haus mußte jetzt so aussehen, wie es aussieht, der mußte jetzt genau so zur Tür hereinkommen, wie er hereinkam. Aus einer Abwesenheit des wachen Verstandes heraus erscheinen die Dinge nicht mehr nur zufällig, sondern in ihrer Zufälligkeit so notwendig, als liefe ein Film ab, den man schon einmal gesehen hat. Déjà-vu: "schon gesehen" – ein bislang ungeklärtes psychologisches Phänomen, das einen für Augenblicke die Gegenwart als Erinnerung erleben läßt.

Unter einem ermatteten Bewußtsein blühen für Sekunden jene flüchtigen Prägungen auf, an deren Herkunft wir uns nicht erinnern können. Oder es sind ältere Muster, die wachgerufen werden, weil etwas Ähnliches unsere Sinne streift. Alle Kunst beruht darauf, in uns etwas wachzurufen, das wir noch nicht kannten. Alle Kunst ist Wiedererkennen von Unbekanntem. Wie das zugeht, wird in diesem Film erzählt.

Das Gefühl des Dejä-vu berührt sich mit den Träumen, aus denen man nicht erwachen kann. In denen man zu erwachen träumt, froh, das Grauen hinter sich zu haben. In denen man so besonders dankbar die wohlbekannten Dinge sieht, die die Schlafstatt umgeben – und es doch nicht wagt, sie zu berühren. In denen sich endlich die Tür öffnet und ein vertrautes Gesicht erscheint, die Mutter, die Geliebte. Man will sie umarmen, aber man rührt sich nicht. Da ist etwas in ihrer Stimme, in ihren Augenwinkeln. Und etwas Furchtbares um ihren Mund. Ein Lächeln, das der Fratze ähnlich wird, der man eben entronnen ist.

Das Unentrinnbare der Träume ist das Unentrinnbare der Kunst. Wie es in diesem Film aussieht, wenn ein junges Mädchen sich versteckt, im Spiel und doch nicht im Spiel einen Vorhang hinter sich schließt und dahinter ganz verschwindet: So muß es aussehen, denn so ist es immer, wenn man sich versteckt und beim Türzuziehen kalte Schauer von unseren Urahnen her über den Rücken gruseln.

Seltsam, daß die besten Gruselfilme von den britischen Inseln kommen oder zumindest dort ihren Schauplatz haben. Der Philosoph George Berkeley aus Oxford hielt die ganze Welt für eine Einbildung. Ist es der Nebel? Sind es die langen Winterabende? Gewiß sind die besten Gruselgeschichten an diesen langen Winterabenden und in geselligen Runden am Kamin entstanden. Menschen haben da viel Zeit miteinander und entwickeln hochkultivierte Umgangsformen, um miteinander weder so direkt umzugehen wie dereinst in den Höhlen noch so indirekt, daß es todlangweilig würde. Von dieser elektrisierten Geselligkeit an einem englischen Kamin erzählt die Rahmenhandlung. Was für herrliche Dialoge, was für eine erfinderische Art, einander mit Worten zu streicheln, zu verletzen, zu verführen. Diese nervige Atmosphäre ist an sich schon nahe am Überschnappen. Es braucht nur eine Winzigkeit – und die psychisch überheizte Geselligkeit kippt um in die wüsten Visionen, die man einander mit rollenden Augen zum besten gibt.

Der Film ist 1945 entstanden; er ist mit den Originaltönen und der Musik von Georges Auric meisterlich synchronisiert worden. Ein Gruselfilm der feinen englischen Art, ein Film in Todesnähe; und ich frage mich immer wieder: Wo hatten die Leute damals ihren Charme, ihre hinreißende Lebendigkeit her?

Martin Ahrends