Ein Veto von Kurt Hager – oder: Von einem Happy-End in einem Arbeiter-Theater

Von Peter Schütt

Es war bald nach 1968. Nach der Niederlage der Studentenrevolte suchte ich wie viele heimat- und hoffnungslose Linke in jenen Tagen nach einem neuen revolutionären Subjet und entdeckte so die führende Rolle der Arbeiterklasse. Als im Jahr nach den Studentenunruhen die Arbeiter in vielen bundesdeutschen Metallbetrieben ziemlich spontan in den Streik traten, um den faulen Burgfrieden zwischen Gewerkschaft und Kapital zu zerbrechen und deftige Lohnerhöhungen zu erzwingen, reiste ich mit revolutionärer Begeisterung an eines der Zentren der Septemberstreiks, an die Kieler Howaldtswerft. An historischem Ort, dem Ausgangspunkt der Novemberrevolution von 1918, trieb ich mich tagelang im Streiklokal gegenüber dem Werfttor herum, ich schrieb und verteilte Flugblätter und versuchte, wie ein richtiger Prolet zu reden, am liebsten plattdeutsch. In meinem Kopf erdachte ich mir das Wunschbild von einer klassenbewußten, kampferprobten und disziplinierten Arbeiterschaft und sammelte vor Ort eifrig Notizen.

Wenige Wochen später war mein proletarischrevolutionäres Werk vollbracht, das Arbeitertheaterstück "Vierzig Pfennig mehr oder der Stapellauf fällt ins Wasser!", angelegt als Lehrstück zum Thema: Wie man einen Streik organisiert und siegreich zu Ende führt. Das klassenkämpferische Happy-End war inbegriffen.

Meine Genossen auf der Howaldtswerft waren begeistert – oder taten doch so. Das Bier floß in Strömen, sie wollten das Stück selber auf die Bühne bringen. Die beiden Streikführer, der Altkommunist Helmut Schlüter und sein jüngerer Kollege Lothar Boldt, der sich im Verlaufe meines Lehrstücks vom biederen Sozialdemokraten zum klassenbewußten Kommunisten emporentwickelt, wollten selber die Hauptrollen spielen. Ich sollte Regie führen. Wir begannen sofort die Werbetrommeln zu rühren. Die Proben begannen am übernächsten Wochenende. Doch dann kam die Weihnachtszeit, und der revolutionäre Elan der Arbeiterhelden schwand dahin, je mehr Kerzen an den Adventskränzen im Streiklokal entzündet wurden. Am vierten Advent mußten wir vor den geballten Weihnachtsmannschaften kapitulieren und unser kühnes Theaterprojekt begraben.

Einladung der Götter

Doch der Tatenruhm der Kieler Werftarbeiter und mein Versuch, ihre Avantgarderolle für das Theater aufzubereiten, hatten sich dank reger Parteipropaganda weit herumgesprochen und waren auch über Mauer und Stacheldraht bis in den Arbeiter-und-Bauern-Staat auf deutschem Boden vorgedrungen. Aus Rostock meldete sich Hanns Anselm Perthen, der agitpropere Intendant des Volkstheaters. Er wollte mein Lehrstück Stil- und milieugerecht im Kulturhaus der Volkseigenen Warnowwerft inszenieren und lud mich zu einer Vorbesprechung ein. Er war angetan von meinem kommunistischen Pioniergeist und meiner schulmeisterlichen Stückvorlage und entwickelte die tollsten Vorstellungen. Er wollte Rostocker Werftarbeiter als Laiendarsteller engagieren und die Aufführung so nahe wie möglich an die Kabelkrananlage der Werft heranbringen. Ich gebe zu, ich war von Perthens proletarisch-revolutionären Theaterträumen restlos hingerissen.